Der Kursdruck, den zeitweilig größere Auslandsverkäufe in der ersten Woche des neuen Jahres auf die deutschen Aktienmärkte ausübten, hat sich schnell wieder verflüchtigt. Die Ausländer verhielten sich zwar noch abwartend, was angesichts der Konferenzen in Rom und Baden-Baden begreiflich schien, aber das genügte bereits, um die nervös gewordene deutsche Kundschaft zu beruhigen. Das nach wie vor vorhandene Anlagebedürfnis, das durch die jetzt herrschende Geldschwemme noch verstärkt wird, hat die Aktienmärkte schnell Glieder stabilisiert, so daß in den meisten Fällen die Kursverluste ausgeglichen wurden und teilweise bereits neue Höchstkurse erreicht sind. Von der Konjunkturseite her scheinen den Märkten überdies keine Gefahren zu drohen, denn in dieser Beziehung dürfte sich die Situation in diesem Jahre weiter günstig gestalten; negative Einflüsse können dagegen von der großen Politik her kommen, wo augenscheinlich noch alles im Fluß ist Der plötzliche Angebotsdruck – hervorgerufen durch die ausländische Kundschaft – hat die hier ruhenden Gefahren deutlich werden lassen, und diese Warnung mahnt zur Vorsicht.

Obgleich sich in der vergangenen Börsenwoche die Aktienkurse ziemlich allgemein angehoben haben, dürfte es jetzt ratsam und auch lohnend sein, vor neuen Engagements die Berechtigung der jeweiligen Kursezuprüfen. Ein Vergleich der Papiere bringt oft überraschende Ergebnisse und reizt zu Tauschoperationen oder zu Gewinnmitnahmen, von denen bislang die Privatkundschaft trotz der auf drei Monate begrenzten Spekulationssteuerfrist nur sehr geringfügig Gebrauch gemacht hat. Allerdings wird die „marktgerechte“ Bewertung der einzelnen Aktien in diesem Jahr zusätzlich durch die zahlreich zu erwartenden Kapitalerhöhungen mit ihren meist lukrativen Bezugsrechten erschwert. Man spricht von etwa einer Milliarde neuer Aktien, die placiert werden sollen. Diese Verbreiterung des Aktienvolumens muß das gesamte Kursniveau beeinflussen; es braucht dadurch nicht zu einer Reduzierung zu kommen, doch wird der genannte Betrag zu einer Verflüssigung des Geschäfts beitragen und künftige Aufwärtsbewegungen im Tempo bremsen.

Bei der Demag wurde eine Verbreiterung der Eigenkapitalbasis zunächst dementiert; daraufhin ließ sich der Kurs von 300 v. H. nicht mehr ganz halten. Auch bei der HEW scheint man sich hinsichtlich der Kapitalmarktpläne noch nicht ganz schlüssig zu sein. Vermutlich sollte man den Ausführungen des AR-Vorsitzenden auf der letzten HV jedoch nicht allzu großes Gewicht beimessen; denn erstens läßt es sich nicht leugnen, daß die Gesellschaft für ihre notwendigen Investitionsvorhaben bringend Geld braucht, und zweitens weiß man in Börsenpreisen, daß bereits vorbereitende Besprechungen mit den Banken stattgefunden haben. Bei Siemens dürfte eine Kapitalerhöhung nur noch eine Frage der Zeit sein. Hoffnungen auf ein Bezugsrecht haben auch den Kurs der Dynamit-Nobel-Aktien befruchtet und ihn um 18 Punkte auf 262 v. H. steigen lassen.

Entscheidend für die feste Tendenz der vergangenen Woche waren die Montane, bei denen die Rekonzentrationen als Antrieb wirkten. In der Mannesmann-Gruppe ist sie so gut wie durchgeführt, bei Klöckner sind die Wege schon vorgezeichnet, und im Bereich der GHH liegen die Pläne ebenfalls in Umrissen vor. Trotz der Streiks in den GHH-Betrieben verzeichneten die Nachfolger Kursgewinne bis zu 20 Punkten. Bei den übrigen Montan-Nachfolgern gingen die Pluspunkte über 10 Punkte im allgemeinen nicht hinaus. In Bankkreisen hält man bei den Gesellschaften der Schwerindustrie die Hoffnungen auf Bezugsrechte für verfrüht. Durch die Neufestsetzungen der Aktienkapitalien bei der Neuordnung, durch die hohen Abschreibungen und Sonderabschreibungen, die zu einem erheblichen Teil verdient wurden oder die in mittel- oder langfristigen Fremdmitteln konsolidiert sind, besteht keine Notwendigkeit zur Verbreiterung der Eigenkapitalbasis, um so weniger, als keine Gefahr einer überdurchschnittlichen Verschuldung vorhanden ist.

Die IG – Farben - Nachfolgegesellschaften traten im Umsatz in den Hintergrund. Dem Vernehmen nach sollen Schweizer Kreise sich von einem Teil ihrer Nachfolgeaktien zugunsten der Liquis getrennt haben. Jedenfalls waren die drei großen IG-Farben-Gesellschaften im Kurs nur knapp behauptet, während die Liquis von 42 3/4 auf 44 5/6 v. H. anzogen. Der Cassella-Kurs stieg von 446 auf 478 v. II., eine Folge der anhaltenden Mehrheitskäufe in diesem Papier. Von den übrigen Chemiewerten sind weiter steigende Kurse zu melden: Hageda 155–170, Chemische Albert 170–185, Beiersdorf 260–265 und Degussa 255–260 v. H.

Feste Kurse ergaben sich ferner bei den Aktien der Maschinen- und Werkzeug-Industrie. Bei den Elektrowerten schwankten Siemens St. um ihren bisherigen Höchstkurs von 269 v. H. herum, AEG haben mit 198 jetzt fast die 200-Prozentgrenze erreicht. In der Erdöl-und Kali-Gruppe buchten Salzdetfurth einen Gewinn von 16 Punkten. Bei den Auto-Aktien kamen Daimler auf 247 (234) und BMW zum Schluß auf 163 (156). Hier hat man jetzt den Grund für die ungewöhnliche Aufwärtsbewegung gefunden: BMW werden wahrscheinlich einen Teil ihres jetzt freigegebenen Werkes Allach für 20 Mill. DM an die MAN verkaufen.

Angesichts der bereits erwähnten Geldschwemme tendierten die Renten – und hier insbesondere die Papiere mit geldmarktähnlichem Charakter – fest. Die Bundesanleihe notierte mit 105 G ihren bisher höchsten Kurs. Sie wird von den diversen Länderanleihen (ebenfalls 5prozentig) gefolgt, die fast alle bei 104 1/2 v. H. gesucht sind. Die 8 v. H. Esso-Anleihe ging zu 106 1/2 v. H. um und liegt damit um 3 Punkte höher als zum Jahresbeginn. -ndt