Die folgende (verbürgte) paradoxe Geschichte ist charakteristisch für die verfahrene Situation an den Aktienbörsen: am 5. Januar – das war also jener Mittwoch, als die Kurse erstmalig wieder eine fühlbare Korrektur nach unten erfuhren – kam der Börsendirektor einer unserer Großbanken mit dem Jubelruf „Endlich ist es passiert!“ von der Börse in sein Büro zurück ... So stark war also bei ihm das Gefühl der Erlösung, daß die Gefahr einer Übersteigerung der Kurse zunächst gebannt sei!

Von den markttechnischen Momenten des geringen Angebots und der z. T. durch besondere Fakten (Auslands- und Abrundungskäufe) bedingten erheblichen Nachfrage her gesehen, sind die Kurse natürlich „richtig“; sie sind echt, und nicht manipuliert. Die Erkenntnis dieser Selbstverständlichkeit darf aber nicht dazu führen, daß die Verantwortlichen nun den Dingen ihren Lauf lassen, anstatt den Gefahren übersteigerter Kurse entgegenzutreten. Man sollte auch gewisse Fakten nicht bagatellisieren: etwa mit dem Hinweis darauf, daß bei uns („anders als in den USA“) keinerlei Effektenspekulation auf Kredit vorliege... Nun, es gibt ja mindestens einen Großspekulanten an den westdeutschen Börsen, dessen Kreditengagement erheblich ist und mittlerweile über 70 Mill. DM liegen dürfte. Und es gibt – man frage nur bei den Depositenkassenvorstehern nach! – eine nicht geringe Anzahl von „kleinen Geschäftsleuten“, die Geschmack am Börsenspiel gewonnen haben, auch am Spekulieren auf Kredit. Schließlich ist nicht zu übersehen, daß die Aktienrendite bei uns, „anders als in den USA“, erheblich unter der Rendite der Festverzinslichen liegt. Allein dieser Umstand schon ist des Nachdenkens darüber wert, ob jetzt nicht auch bei uns, genau so wie in den USA, ein „Schuß vor den Bug der Aktienhausse“ angebracht wäre.

Weit gefährlicher aber als die Spekulation auf Kreditbasis ist die Ausbreitung des Sachwertdenkens beim Börsenpublikum und bei den vom Börsengeschehen der letzten zwölf Monate faszinierten Beobachtern aus „der“ Wirtschaft. Die „Flucht“ aus den Guthaben in die Sachwerte, in „wertbeständige Anlagen“, ohne Berücksichtigung ihrer Ertragsmöglichkeiten, ist ja – bei unserer so inflationsängstlichen und inflationsgewitzigten Bevölkerung – ein Symptom, das gar nicht ernst genug genommen werden kann. Und wenn die verantwortlichen Stellen auch hundertmal der Überzeugung sind, daß objektiv „alles in Ordnung“ und nicht der geringste Anlaß zu einer „Sachwertepsychose“ gegeben sei – jeder Depositenkassenvorsteher könnte ihnen erzählen, daß die lang anhaltende und letzthin zu einer Dauerhausse entartete Steigerung der Aktienkurse vom Publikum mehr und mehr als das Signal zum Einsteigen aufgefaßt worden ist: hinein in die Sachwerte also! – Diesmal wollen wir nicht wieder die Dummer sein bei einer Geldentwertung! So haben eben viele gedacht, und (natürlich!) falsch gedacht, wenn sie sich noch kurz vor oder nach der Jahreswende endlich zum „Einsteigen“ entschlossen hatten.

Nun kommt freilich der trostreiche Einwand: „Warten Sie nur ab – die Aktien werden Junge kriegen!“ Wie aber steht es damit, also mit den Schätzungen, wonach 750 Mill. DM mindestens (wenn nicht gar eine runde Milliarde...) im Laufe des Jahres 1955 zu erwarten sein werden, mit günstigen Bezugsrechten natürlich? Gewiß: eine Reihe von bedeutenden Gesellschaften, darunter die IG-Farben-Nachfolgerinnen, werden emittieren. Die großen Montangesellschaften aber werden, es, aller Wahrscheinlichkeit nach, nicht tun. Wir wagen die Prophezeiung, daß rebus sie stantibus – wenn nämlich nicht sehr bald eine Reform der Durchführungsverordnungen zum DM-Umstellungsgesetz erfolgt – die Kapitalerhöhungen für 1955 insgesamt kaum den Betrag von 500 Mill. DM überschreiten werden: weil nämlich die Großaktionäre kein Geld haben, d. h. nicht genug flüssige Mittel, um den auf sie entfallenden Part an jungen Aktien aufnehmen zu können (und weil sie sich, durch Auflösung anderer Effektenpositionen etwa, auch kein Geld beschaffen können, solange die steuerliche Belastung der über den Buchwert hinaus zu erzielenden Mehrerträge solche Verkäufe praktisch verbietet). Da es aber „den“ Großaktionär fast in jeder Gesellschaft gibt – anders als in früheren Zeiten! –, wird er (in den meisten Fällen) eine Kapitalerhöhung, die (wenn er sie nicht „mitmachen“ kann) seine Position verkleinern würde, gar nicht erst zur Diskussion stellen.

Was die Ursachen des knappen Effektenangebots betrifft, so ist ferner auf die Schrift „Rund um die Börse“ zu verweisen, die zur Jahreswende von den Nachfolgeinstituten der Cömmerzbank herausgebracht worden ist. Das Unterangebot beruht, so heißt es da, zu einem guten Teil auf der weitgehenden „Erstarrung des Börsenzettels“: es gibt praktisch weder Neuzulassungen von Aktienwerten noch Umgründungen von Unternehmungen zu Aktiengesellschaften, mit der Absicht, sich dadurch den Zugang zum Kapitalmarkt zu verschaffen. (Man hat ja noch nicht einmal versucht, die Privatisierung oder Reprivatisierung von Erwerbsunternehmungen der öffentlichen Hand, die in Form von Aktiengesellschaften bestehen, auf dem Wege des freihändigen Verkaufs einer Minorität, nach erfolgter Börsenzulassung also, zu versuchen – also qua Überführung der Gesellschaften in die Form des gemischtwirtschaftlichen Unternehmens!)

Wie die Dinge sich entwickelt haben, muß ja wohl die Frage einmal sehr ernsthaft zur Diskussion gestellt werden, ob die Aktie ihre Funktion als echtes Anlagepapier überhaupt noch erfüllen kann. Wir möchten, diese Frage gern bejahen – wir müssen sie wohl aber, wie die Dinge heute liegen, eher verneinen. Die Aktie ist zu unbeweglich im Besitz geworden, deshalb zu knapp im Angebot, und damit zu teuer. Sie wird, als Anlagepapier für den am Kapitalertrag interessierten Erwerber, deshalb zunehmends uninteressant. Daraus gilt es, eines Tages die Konsequenzen zu ziehen; vielleicht hat das schon begonnen, wie die Tatsache zeigt, daß über Investment-Gesellschaften, über die Begebung von Kleinaktien (mit geringem Nominale also) und über eine aktienmäßige Beteiligung der Belegschaften immer weniger gesprochen wird – daß dafür aber neue Typen von langfristigen und entsprechend höherverzinslichen Spareinlagen entstehen. Geht dieser Trend etwa in falscher Richtung?

Wie man aber auch prozedieren möge: es wird nachgerade höchste Zeit, daß nach dem Signal, das für die Börsen (von New York her) gegeben warden ist, seitens der verantwortlichen deutschen Stellen weitere entschiedene Warnungen ergehen, um den spekulativen Überschwang zu dämpfen, der sich in einer völlig ungesunden Aufblähung des Auftragsvolumens für fast alle investitionswichtigen Roh- und Grundstoffe zeigt. Wenn Lieferfristen, die normalerweise zwischen 4 und 6 Wochen liegen, auf 6 Monate und darüber ansteigen, ist es nach der „inneren Logik des marktwirtschaftlichen Geschehens“ durch keine Macht der Welt zu verhindern, daß für Partien prompter Lieferung nun auch Aufpreise geboten und gezahlt (und auch verlangt ...) werden. Offene Preissteigerungen, wie für Schrott, laufen mit diesen verdeckten Preiserhöhungen für sofort lieferbare Ware einher – das eine folgt aus dem anderen, verstärkt das andere. Wenn jetzt nicht sehr bald und sehr energisch gebremst wird, geht die Tendenz spätestens im Frühjahr, beim Saisonbeginn einer Baukonjunktur „wie noch nie“, eindeutig in Richtung auf allgemeine Preiserhöhungen. Der inflatorische Zug, der damit zur Geltung kommt, ist noch nicht einmal das Schlimmste: er läßt sich ja ohne große Mühe auffangen und bremsen, da die finanziellen Grundlagen unserer Wirtschaft durchaus gesund sind... Viel schlimmer ist, daß das „Zuviel an Konjunktur“, in das wir jetzt hineinzugeraten drohen, binnen kurzem absolut zwangsläufig zu einem empfindlichen Rückschlag mit schweren geschäftlichen Verlusten führen muß – dann nämlich, wenn sich herausstellt, daß hinter dem riesenhaft aufgeblähten Auftragsvolumen weder ein effektiver Bedarf noch eine ausreichende finanzielle Potenz steht.

Der drohende Rückschlag ist also vermeidbar; es muß nur jetzt, in erster Linie von Frankfurt, also von der BdL her, und von Bonn aus dafür gesorgt werden, daß er tatsächlich vermieden wird. Das kann geschehen, indem auf die Gefahren hingewiesen, und, wenn das allein nicht mehr hilft, an restriktive Maßnahmen – wie sie gegenüber dem Schrittmacher Aktienmarkt längst geboten gewesen wären – herangegangen wird. Welcher Art diese Maßnahmen im einzelnen sein könnten – das vorzuschlagen, ist nicht unsere Sache. Hier genügt ja wohl der Hinweis, daß es ein ganzes Arsenal restriktiver Mittel gibt, wie etwa die Überprüfung der Rediskontkontingente, die vom Zentralbanksystem aus den einzelnen Kreditinstituten eingeräumt werden. Die Bank deutscher Länder hätte gut daran getan, die Tatsache, daß eine derartige Überprüfung eingeleitet worden ist, groß zu plakatieren, anstatt dies Faktum schamhaft zu verschweigen, und sich darauf zu verlassen, daß einiges darüber auf dem Wege der Indiskretion durchsickern werde. Mit der Praxis des Sammethandschuhes ist es jetzt nicht mehr getan; die Situation erfordert ein derbes Zugreifen. E. T.