Vier Themen hatte sich Dr. Hermann Reusch, Vorsitzer des Vorstandes der Gutehoffnungshütte Aktienverein, Oberhausen, für die oHV dieser Holding vorgenommen, und zwar: Konjunktur, Staatsbesitz, Kapitalzins und Mitbestimmung. Es war eine große wirtschaftspolitische Rede mit den traditionellen „Reusch-Worten“. Das vergangene Jahr, so begann er, wäre erheblich günstiger als erwartet verlaufen. Das laufende Jahr dürfe mit größter Zuversicht begonnen werden. In den Industriestaaten der Welt nehme die Produktion laufend zu. Die Montan-Union brächte, mit der Ausdehnung des Marktes und der Erhöhung des Wettbewerbs günstige Wirkungen. Die Schaffung weiterer Arbeitsplätze in der Bundesrepublik sowie die Steigerung der Produktivität könne hier wie auch bei den Nachbarländern erwartet werden.

Seinen allgemeinen Überblick ergänzte Reusch durch einen Hinweis auf die gegenwärtige Lage der GHH-Gruppe, die 1953/54 einen Umsatz von 1,75 Mrd. DM bei einem Exportanteil von 30 bis 40 v. H. gemacht hatte und in der sich die Investitionen der vergangenen Jahre in der Größenordnung von 300 Mill. DM bereits in sichtbaren Betriebserfolgen niederzuschlagen begonnen haben. Im laufenden Geschäftsjahr 1954/55 habe sich der Auftragseingang um 24,3 v. H. über Vorjahrsstand erhöht, die Auslandsaufträge mehr als verdoppelt. Die GHH-Gruppe, die mit Majorität in den Händen der weitverzweigten Familie Haniel liegt, ist heute eine reine Maschinenbaugruppe. Hütte und Bergbau sind entflochten, über die Rückverflechtung hat sich Reusch auf einer der oHV vorausgegangenen Pressekonferenz lediglich dahingehend geäußert, daß diese „auf alle Fälle dem Konzern jährliche Ersparnisse und Rationalisierungsvorteile von hohen Millionensummen erbringen“ werde.

In der HV erklärte dieser profilierte Mann der westdeutschen Industrie, daß das Verhältnis der Öffentlichen Hand zur privaten Wirtschaft mehr denn je einer Klärung bedürfe. Leider habe sich bis jetzt die Öffentliche Hand bezüglich einer Beschränkung ihrer wirtschaftlichen Betätigung noch nicht merklich dem marktwirtschaftlichen Modell genähert. Es wäre nicht einzusehen, warum der Bund der größte Automobilproduzent sein müsse, 75 v. H. der Braunkohlenerzeugung und 70 v. H. der Aluminiumproduktion bei der Öffentlichen Hand liegen, Die Möglichkeiten einer etappenweisen Privatisierung seien gegeben.

Die Herstellung eines funktionsfähigen Kapitalmarktes sei ebenso wichtig. Reusch kündigte sodann an: „In der nächsten Zeit werden verschiedene Unternehmen mit Kapitalerhöhungen an den Markt treten. Eine breite Konsolidierung des wirtschaftlichen Aufschwunges durch Abbau der Industrieverschuldung bei den Banken ist aber nur dann möglich, wenn eine bessere Ertragsbeteiligung des Eigenkapitals geschaffen wird.“ Reusch meinte, hierzu sei nicht von Seiten des Staates, sondern auch von Seiten der Gewerkschaften größeres Verständnis erforderlich. Der Artender Dividendenam Reingewinn habe 1953 in den USA 22 v. H., in Großbritannien 14 v. H., in Frankreich 11 v. H., aber in Deutschland nur 4,5 v. H. betragen.

Nach einem Bekenntnis zu den gemeinsamen Gremien der Sozialpartner erklärte Reusch: „Dagegen lehnen wir die Ausdehnung der Mitbestimmung auf die Holdinggesellschaften entschieden ab.“ Die Gesetzentwürfe, die auf diesem Gebiet zur Zeit beraten werden, stellen nach unserer Auffassung eine fundamentale Durchbrechung der bisher geltenden Prinzipien dar und sind mit dem organisatorischen Aufbau der deutschen Aktiengesellschaften nicht in Übereinstimmung zu bringen. Das Mitbestimmungsgesetz für Eisen und Kohle ist das Ergebnis einer ‚brutalen Erpressung‘ durch die Gewerkschaften. Es ist in einer Zeit durchgesetzt worden, in der die Staatsgewalt noch nicht gefestigt war. Wir halten es für abwegig, daß de jure bestimmte Gruppeninteressen in der Leitung eines Wirtschaftsunternehmens verankert werden und glauben, daß das Betriebsverfassungsgesetz auch für diejenigen Betriebe der Eisen- und Kohleindustrie angewendet werden müßte, die seinerzeit dem Mitbestimmungsgesetz unterworfen wurden, weil sie mehr oder weniger zufällig der Beschlagnahme durch die Alliierten unterlagen.“

Zu dieser Rede gab es mehrfach starken Applaus. Die oHV genehmigte einstimmig die Regularien für 1953/54 mit einer von 6 auf 8 v. H. erhöhten Dividende aus 7,04 Mill. DM Reingewinn auf 83,2 Mill. DM Grundkapital. In der Holding Gutehoffnungshütte Aktienverein sind namhafte deutsche Maschinenbauanstalten und als Handelsorganisation vor allem die Ferrostaal AG zusammengefaßt. Der schon erwähnte Gesamtumsatz von 1,75 Mr. DM verteilt sich im einzelnen wie folgt, wobei in Klammern der jeweilige Exportanteil des Geschäftsjahres 1953/54 vermerkt ist: Ferrostaal AG 325,5 Mill. (30 v. H.); MAN Augsburg-Nürnberg 455,56 Mill. (41 v. H.); Deutsche Werft Hamburg 226,5 Mill. (39 v. H.); Gutehoffnungshütte Sterkrade 196,25 Mill. (23 v. H.); Osnabrücker Kupfer 134,4 Mill. (24 v. H.); Schloemann AG 99,5 Mill. (39 v. H.); Hackethal Draht 80,65 Mill. (21 v. H.); Maschinen Esslingen 55,88 Mill. (38 v. H.); Neumeyer Nürnberg 51,3 Mill. (10 v. H.); Schwäbische Hütte 44 Mill. (8 v. II.); Eisenwerke Nürnberg 27 Mill. (2 v. H.); Zahnräder Augsburg 22,85 Mill. (40 v. H.); Haniel & Lueg 22,7 Mill. (28 v. H.) und Deggendorfer Werft 4,77 Mill. (17 v. H.).