Es war ein langes, zeitweise offenbar recht müdes Gespräch, das, während draußen der Regen kein Ende nehmen wollte, in dem Schloßhotel Hahnhof in Baden-Baden geführt wurde. Es hat den menschlichen Kontakt zwischen Adenauer und Mendès-France verbessert, und deshalb war es nützlich. In der Sache hegten weder die Akteure noch die zu begleitenden Journalisten große Erwartungen. So fehlte von vornherein wirkliche Spannung. Das Interesse, welches das Gespräch veranlaßt hatte, war inzwischen wohl auf beiden Seiten nicht mehr so stark wie seinerzeit. In Bonn fürchtete man, durch die Begegnung bei den übrigen Partnern des Brüsseler Paktes Mißtrauen zu erwecken. Auch Mendès-France hätte den Umweg über Baden-Baden im letzten Moment vermutlich lieber nicht mehr gemacht, wenn er auch vor seiner Abreise der Presse höflich das Gegenteil versicherte.

Er muß schon in Rom seine Hoffnung auf den Rüstungspool verloren haben, den die Franzosen in Baden-Baden nur noch "Vorschlag zur gemeinsamen Verbesserung der Rüstungsproduktion" nannten. Aber diese neue, etwas umständliche Namensgebung, die man wohl aus Rücksicht auf die Verfechter der Marktwirtschaft gewählt hatte, konnte den verdächtigen Spätankömmling nicht vertrauenswürdiger machen. Auf deutscher Seite fürchtete man, er könnte sich eines Tages als ein allzu neugieriger, nicht nur die Rüstungsproduktion beschnüffelnder Spion, vielleicht sogar als ein Schutzwall der französischen Wirtschaft entpuppen. Prof. Erhard hatte sich mit seinen Mitarbeitern schon vorher einen Umerziehungsplan für den Schützling des Quai d’Orsay zurechtgelegt. Man hat für die positiven Elemente des französischen Plans, wie sich versteht, deutscherseits volles Verständnis: für eine maßvoll gelenkte, standardisierte, alle Hilfsquellen ausnützende, auf eine zwischenstaatliche Arbeitsteilung abgestellte Rüstungsproduktion. Aber man möchte dieses Ziel durch gegenseitige Abstimmung in den einzelnen Paktstaaten, durch freie Ausschreibungen kalkulatorisch miteinander vergleichbarer Rüstungsvorhaben erreichen und nicht auf die dirigistische Art, wie sie Mendès-France vorschwebt, mit einer von einer gemeinsamen Zentralbehörde gelenkten und gesteuerten Produktion. Hier stießen also zwei grundverschiedene Wirtschaftsprinzipien aufeinander, und es soll, wie man hört, in Baden-Baden manches ausführliche Wort zum Grundsätzlichen des Themas gesprochen worden sein. Auf deutscher Seite will man bei der Londoner Formel bleiben: Kontrolle des Rüstungsbestandes, nicht der Rüstungsproduktion.

Mendès-France merkte bald, wie gering hier die Möglichkeiten für eine Übereinstimmung waren. Damit hatte er offenbar einen großen Teil seines Interesses an der Konferenz verloren, zumal sich bald herausstellte, daß es auch hinsichtlich der Moselkanalisierung und des immer mehr zu einem Junktim mit ihr zusammenwachsenden Projektes des Rhein-Seiten-Kanals keine Einigung gab. Die Interessengegensätze waren hier unüberbrückbar. Hingegen hat man sich in den nicht lebenswichtigen Wirtschaftsfragen rasch geeinigt. Die landwirtschaftliche Ausfuhr aus Frankreich nach der Bundesrepublik wird wesentlich gesteigert, die Getreidelieferungen (Weizen) werden verdoppelt werden. Es sollen aber dadurch nicht die inländischen Erzeuger belastet, sondern es sollen die Importe entsprechend verlagert werden.

Wie beim Rüstungspool waren auch in der Saarfrage die Fronten von vornherein festgelegt. Die Verhandlungen bewegten sich in dem von Botschafter Blankenhorn und Kabinettschef Soutou exakt ausgearbeiteten Rahmen. Es ging um die Funktionen des Saarkommissars, die Durchführung des Plebiszits, die Regelung von Streitigkeiten über das Saarstatut, aber nicht um die Klärung der umstrittenen, in der Bundesrepublik anders als in Frankreich ausgelegten Punkts des Saarstatuts. Die Weltpolitik wurde ohne die Zeugen des großen Konferenzzimmers erörtert. Die sowjetische Drohnote verfehlte den beabsichtigten Eindruck völlig. Auf französischer Seite zeigte man sich über die Plumpheit dieses politischen Stils verärgert, aber man war nicht eingeschüchtert. So hat die Sowjetnote eher das Gegenteil des beabsichtigten Zwecks gefördert. Die beiden Verhandlungspartner bekräftigen ihren Willen zur planmäßigen Durchführung der Ratifizierung. Die Fassung des Kommuniqués über die Bemühungen um eine Entspannung zwischen Ost und West ist vorsichtig und von der Rücksichtnahme auf die befreundeten Nationen diktiert.

Die gegenseitigen Standorte waren bald abgetastet. Man rechnete damit, daß die Beratungen, die um 1/2 11 Uhr vormittags begonnen hatten, am späten Nachmittag beendet sein würden. Aber dann zog sich das Gespräch schier endlos hin. Es waren vor allem die Saarbesprechungen mit ihrer heiklen Textarbeit, die sehr viel Zeit in Anspruch nahmen. Hier konnte man nicht mehr auf die

Übersetzung der Debatte verzichten. Offenbar hat dann auch noch die Abfassung des sorgfältig abgewogenen Kommuniqués mehr Zeit gefordert, als man anfänglich vermutet hatte. Als der Bundeskanzler und kurz nach ihm Mendès-France spät nach Mitternacht doch noch zu der kaum mehr ernstlich erwarteten Pressekonferenz erschienen, wurden sie mit dankbarem Beifall begrüßt.

Robert Strobel