k. h. c., Berlin, im Januar

Zwei behördliche Instanzen Berlins beschäftigen sich mit dem permanenten Strom der Flüchtlinge aus Mitteldeutschland: An erster Stelle das Bundesnotaufnahmelager in Berlin-Marienfelde (Westberlin), wo die eintreffenden Flüchtlinge registriert und einem komplizierten Aufnahmeverfahren unterworfen werden. Wenige Kilometer entfernt, am Ostberliner Alexanderplatz, hat die Zentrale Auskunftsstelle für Rückkehrer ihren Sitz, deren Aufgabe darin besteht, die „reumütig“ aus den Flüchtlingslagern der Bundesrepublik in das kommunistische Mitteldeutschland zurückkehrenden „republikflüchtigen Personen“ aufzufangen, ihnen beim Neubeginn „behilflich“ zu sein... Die amtliche Presseagentur der Sowjetzonenrepublik, der Allgemeine Deutsche Nachrichtendienst (ADN), veröffentlichte Ende vergangenen Jahres eine Meldung, derzufolge vom 1. Oktober 1953 bis 31. Oktober 1954 75 785 Personen, davon 44 401 im Westen lebende Sowjetzonenflüchtlinge, die Bundesrepublik und Westberlin verlassen hätten und in die Sowjetzone übergesiedelt seien. Allerdings haben im gleichen Zeitraum 130 627 Flüchtlinge in Westberlin um politisches Asyl nachgesucht, insgesamt flohen rund 200 000 Menschen aus Mitteldeutschland nach Westberlin und der Bundesrepublik. Dennoch sind Flüchtlinge, die in der Bundesrepublik Unterkunft fanden, in ihre mitteldeutschen Heimatorte heimgekehrt, wenn auch die von ADN angegebene Zahl von mehr als 44 000 zurückgekehrten Sowjetzonenflüchtlingen als stark übertrieben gewertet werden muß.

Was veranlaßte die Flüchtlinge, nachdem sie unter Gefahren nach Westberlin oder der Bundesrepublik kamen, dem „goldenen Westen“ den Rücken zu kehren? In der Kartei im Bundesnotaufnahmelager Westberlin stehen hinter fast eintausend Namen die Vermerke „2. Flucht“. Die Skala der Irrungen, der oftmals bitteren Enttäuschung ist groß, fast unbegreiflich.

Da ist die fünfköpfige Familie B. aus Döbeln/Sachsen. Sie flüchteten im Januar 1954 wegen drohender Verhaftung nach Westberlin und erhielten nach wenigen Tagen den Status politischer Flüchtlinge zugebilligt. Dann kam ein Flüchtlingslager in der Nähe Kölns: Zusammengepreßte Menschen, ruhelose Kinder, wenig Geld – und Enttäuschung darüber, daß nicht gleich Wohnung und Arbeit zur Verfügung standen. Familie B. ahnte offenbar nichts von den vielfältigen Schwierigkeiten, die sich bei der Eingliederung der Sowjetzonenflüchtlinge in den Arbeitsprozeß und bei der Wohnraumbeschaffung ergeben. Die gleichen Erfahrungen eines anderen Flüchtlings aus Mecklenburg ergaben schon nach kurzer Zeit eine Art „Schicksalsgemeinschaft“ und eines Tages, als der Höhepunkt der Verzweiflung erreicht war, stellte der Mecklenburger fest: „Wir haben alle zu schnell gehandelt. Die wollen uns hier ja gar nicht helfen. Man muß nur den Mund halten, dann kann man auch in der DDR ganz gut leben.“

Sie konnten es nicht aushalten

Es gab schließlich nur einen Weg für sie: Rückkehr. Die Grenzeinheiten der „Volkspolizei“ an der Zonengrenze nahmen sie schweigend in Empfang, die Weiterleitung nach Magdeburg, wo eine Nebenstelle der „Zentralen Auskunftsstelle für Rückkehrer“ existiert, erfolgt reibungslos. Drei Tage später war Familie B. wieder in Döbeln ... Am 12. August, sechs Monate später, setzten die Beamten des Bundesnotaufnahmelagers in Westberlin hinter den Namen der Familie B. auf den Karteibogen den Vermerk „2. Flucht“. Herr B. äußerte in tiefer Verzweiflung, die mit der Verzweiflung im Kölner Flüchtlingslager nicht zu messen war –: „Wir konnten es nicht mehr aushalten. SED und SSD (Staatssicherheitsdienst) drangsalierten uns Wochen hindurch, unsere Hoffnung, sie würden uns vergessen, erfüllte sich nicht. Ich kam in einem mir völlig fremden Beruf unter, wo ich nur 280 Ostmark verdiente und mußte mich schriftlich verpflichten, als Dankbezeugung der DDR-Regierung gegenüber meine Arbeitskollegen zu bespitzeln... Wir haben anfänglich den Aufforderungen Otto Grotewohls zur Rückkehr Glauben geschenkt – jetzt sind wir endgültig geheilt...“

Weitaus komplizierter lag der tragische Fall des jungen Ehepaars S. aus Greifswald, die nach Kriegsende aus ihrer pommerschen Heimatstadt Köslin vertrieben wurden. Nach ihrer ersten Flucht im Dezember 1953 über Westberlin in die Bundesrepublik kehrten sie im April 1954 wegen ihrer wirtschaftlichen Situation nach Greifswald zurück. Die ersten Schwierigkeiten ergaben sich, als sie sich in der Schweriner Nebenstelle der Zentralen Auskunftsstelle für Rückkehrer weigerten, in aller Ausführlichkeit über ihnen bekanntgewordene Flüchtlinge in westdeutschen Lagern Aussagen abzugeben. Die Beamten der Nebenstelle, die in Verbindung mit dem Staatssicherheitsdienst stehen, unterbreiteten daraufhin den Vorschlag, mit den in Mitteldeutschland lebenden Angehörigen der Flüchtlinge, deren Namen ihnen noch genannt werden sollten, in Verbindung zu treten, ihnen die eigene Rückkehr zu schildern und gleichzeitig den Versuch zu unternehmen, die Flüchtlinge mit Hilfe der Angehörigen zur Rückkehr zu bewegen. Die Weigerung des Ehepaares S., mit dem Staatssicherheitsdienst zusammenzuarbeiten, wurde mit Einlieferung in das Untersuchungsgefängnis geahndet: Es hieß, sie seien „westliche Agenten“, die die Arbeitsweise der Rückkehrerstellen der Sowjetzonenrepublik ausforschen sollten. Zwei Monate später erfolgte die Haftentlassung, ebenso unvorhergesehen wie die überraschende Festnahme in der Wohnung der Schwiegereltern. Gegen ihren Willen mußten sie zugewiesene Arbeit in einem Betrieb der Schwerindustrie annehmen, und als eine Woche später leitende Betriebsangehörige nach Westberlin flohen, begann der Staatssicherheitsdienst erneut mit Verhören und Drohungen ... Anfang Oktober 1954 wurden sie zum zweiten Male in Westberlin als politische Flüchtlinge anerkannt und in die Bundesrepublik geflogen.