Brecht spielt Becher in Ostberlin

Der dramatische Ruhm seines Weimarer Dichterkollegen auf dem Ministersessel ließ Johannes R. Becher, Ex-Expressionist und heutiger Kulturminister der „DDR“, nicht ruhen. Auch er wollte sich als Dramatiker auf den seiner Kontrolle unterstehenden weltbedeutenden Brettern sehen. Das Ergebnis dürfte es aber selbst der sowjetdeutschen Propaganda schwer machen, den sonst gern von ihr herangezogenen Vergleich mit Goethe auch auf das erste Drama des Stalin-Preisträgers Becher auszudehnen. Bert Brecht – Bruder im Geiste, nicht im theatralischen Unvermögen – mußte die undankbare Aufgabe übernehmen, mit seinem „Berliner Ensemble“ noch rechtzeitig zum Jahrestag des sowjetischen Sieges in der Schlacht um Moskau Bechers diesem Ereignis gewidmete „deutsche Tragödie in fünf Akten“ „Winterschlacht“ in Ostberlin aufzuführen.

Der Anlaß war aber nicht nur historischer Art, sondern mehr noch höchst aktueller Natur: Warnung vor der westdeutschen Wiederaufrüstung – von dem am Schluß auftretenden Kommandeur der Roten Armee in den Versen ausgesprochen: „Merkt euch: für Feinde führt kein Weg nach Moskau! Den Freunden aber öffnen wir das Herz.“ Als kleiner diskreter Fingerzeig wird auch der Tauroggen-Mythos durch Nennung des Namens von General Yorck beschworen. Worte Malenkows im Programmheft tun schließlich ein übriges, die zeitbezügliche Absicht zu unterstreichen.

Als der Autor sein Stück Ende 1941 in Taschkent, wohin er mit anderen in die Sowjetunion emigrierten deutschen Schriftstellern evakuiert worden war, schrieb, ahnte er noch nicht, daß es einmal, dreizehn Jahre später, nur dafür gut sein würde, einer politischen Agitationskampagne literarische Hilfsdienste zu leisten. Seitdem ist das Werk auch schon mehrfach umgeschrieben worden, ohne allerdings dadurch spielbarer geworden zu sein. Dieser Umstand ließ es auch, nach einer einzigen Aufführung durch die Kulturorganisation deutschsprachiger Emigranten in Mexiko 1942, der Vergessenheit anheimfallen. Versuche Bechers, nach 1945 eine deutsche Bühne für die Aufführung einer Neubearbeitung zu gewinnen, mißlangen. Erst 1952 entdeckte der tschechische Regisseur E. F. Burian, der sich als Avantgardist einen Namen gemacht hatte, die „Winterschlacht“ neu und brachte sie am 9. November im Prager Armee-Theater zur Aufführung.

Max Burghardt, Bechers Genosse aus dem Zentralkomitee der SED und heutiger Intendant der Ostberliner Staatsoper, ließ dann am 31. Januar 1954 an den damals von ihm geleiteten Städtischen Bühnen Leipzig das Stück seine deutsche Erstaufführung erleben. Die Kritiken der Sowjetzonenpresse spiegelten deutlich die Verlegenheit ihrer keineswegs beneidenswerten Schreiber, die zwischen ihrem künstlerischen Empfinden und der einem Ministerautor gegenüber gebotenen kritischen Zurückhaltung hin- und hergerissen wurden. Immerhin wagte Kritikerpapst Erpenbeck, marxistisch geschulter Chefredakteur der offiziellen sowjetdeutschen Theaterzeitschrift, die Anmerkung: „Ob man unerfahrenen Nachwuchsdramatikern einen Dienst erweist, indem man sie zur Nachfolge auffordert, ist zumindest fragwürdig.“

Auch der alte Theaterpraktiker Brecht konnte aus der „Winterschlacht“ kein Theaterstück machen. Eher liegt der Vergleich mit einem szenischen Oratorium nahe. Neben epischen Reflexionen stehen lange lyrische Monologe in Versform. Diese werden meist von der Musik Hanns Eislers untermalt, wobei der Komponist der Zonen-Hymne einige Male Beethovens Eroica zu Hilfe nimmt. Der formalen Uneinheitlichkeit entspricht ein Stilmischmasch, der sich zwischen oft fast kabarettistischer Groteske und tragischem Pathos bewegt.

Das von Becher gezeichnete Bild stimmt einfach nicht, und dafür kann nicht als Entschuldigung gelten, daß er zur Entstehungszeit des Stückes vieles nur aus der Perspektive des Emigranten sehen konnte. Deutsche Offiziere stolzieren als Karikaturen ihrer selbst über die Bühne und brüllen bei jeder Gelegenheit „Sieg Heil“. Und die deutschen Landser im Osten waren weder von solch billigem Hurrapatriotismus erfüllt wie hier, noch hatten damals schon viele von ihnen Unrecht und Unsinn dieses Krieges in dem Maße erkannt, wie Becher es als anderes Extrem darstellt. Auch war die Goebbelssche PK-Propaganda nicht so primitiv, den Rundfunkhörern eine Reportage von Straßenkämpfen in Moskau zu senden, wobei Kampfgeräusche mittels eines in der Etappe aufgestellten Tonbandgerätes produziert werden und der Kriegsberichter in einer „Kampfpause“ einen trotteligen russischen Fürsten interviewt. Dergleichen dem Ernst des Themas völlig unangemessene Kabaretteinlagen gibt es mehrere.