Spekulationen über Machtkämpfe in Sowjetrußland sind ein undankbares Geschäft. Aber diese Einsicht verhindert nicht, daß unsere, zwischen Friedenshoffnung und Kriegsfurcht straff gespannten Nerven auf alle Veränderungen der Sowjetatmosphäre, wirkliche und vermeintliche, mit der Empfindlichkeit von Seismographen reagieren. Es ist schwierig genug, den Sinn der innersowjetischen Rivalitäten richtig zu deuten und ihren Ausgang vorherzusagen. So gut wie unmöglich ist es jedoch zu sagen, welcher Ausgang vom Standpunkt unserer Nerven zu begrüßen und welcher zu bedauern wäre.

Die Spekulationen – und Illusionen – begannen schon zu Stalins Lebzeiten. Als der Finnland-Krieg ausgebrochen war, gab es Leute, die aus „bester Quelle“ wußten, nicht Stalin habe diesen Krieg gewollt, sondern Schdanow. Mitten im Kalten Krieg tauchte die Behauptung auf, im Vergleich zu einigen „Scharfmachern“ im Politbüro sei Stalin der gemäßigtere. Einer dieser angeblichen Scharfmacher war Berija. Aber kaum war Stalin tot, so erbte er den Ruf des Gemäßigten, und Malenkow, sein Hauptrivale, war, so hieß es, der Vertreter des scharfen Kurses. Heute ist es wieder anders. Malenkow ist der gemäßigte und Chruschtschew der aggressive Stalinist. Hineingewoben in diese Fantasiegebilde werden dann in der Regel noch einige Vermutungen über die Rolle der Armee, wobei ihre Repräsentanten einmal zu den Gemäßigten, das andere Mal zur „Kriegspartei“ gezählt werden. Schließlich, um die Verwirrung voll zu machen, spekuliert man über die Absichten der neuen sowjetischen Mittelschicht von Technokraten und Funktionären, die einerseits keine orthodoxen Kommunisten sind, andererseits aber in der Regel der Partei angehören. Malenkow zum Beispiel wird von vielen Ausländern als der Repräsentant dieser Mittelschicht von Technikern hingestellt, weil er mit Saburow, Perwuchin, Malyschew und anderen inzwischen auf der Parteileiter hochgekletterten Funktionären vor vielen Jahren die Technische Hochschule in Moskau besuchte. Man vergißt nur, daß seine wichtigste Aufgabe nicht das technische Studium, sondern die Bespitzelung seiner Mitstudenten war. Malenkow ist also genau so wenig „Technokrat“ wie Bulganin oder andere Armeepolitruks „Militärs“ sind. Wenn andererseits Malenkow in der Armee weniger beliebt ist als Chruschtschew – auch dies ist nur eine Vermutung –, so kann das daran liegen, daß er im Rahmen der großen „Säuberungen“ der dreißiger Jahre mehr Generäle und Offiziere erschießen ließ, als der damals anderweitig beschäftigte Chruschtschew. Und was schließlich die „Kriegspartei“ betrifft, so könnten ihr, falls es sie überhaupt gibt, was sehr unwahrscheinlich ist, Männer angehören, welche den Bolschewismus durch einen patriotischen Bonapartismus ersetzen möchten. Sind solche „Bonapartisten“ vom Standpunkt des Westens das geringere oder das größere Übel im Vergleich mit ihren „friedlicheren“ Kollegen?

Sobald der Westen sich für einen Kandidaten als den angeblich gemäßigteren und friedfertigeren entschieden hat, wird dieser sofort mit allen möglichen vorteilhaften Eigenschaften ausgestattet. Aneurin Bevan beschreibt den von ihm bevorzugten Malenkow folgendermaßen: „Das leichte Hin und Her der Konversation machte es klar, daß seine Kollegen ihn nicht wie Stalin fürchteten. Seine Rolle schien vielmehr die eines Premierministers als eines Diktators.“ Malenkows Konkurrent, Chruschtschew, kommt sehr viel schlechter weg: „Obwohl er am meisten hervortrat, beeindruckte er uns doch nicht als der tüchtigste Führer. Es fehlte ihm an Scharfsinn, und bei ein oder zwei Gelegenheiten schien er nicht fähig, den Argumenten zu folgen.“

Wie erwirbt sich nun ein Sowjetfunktionär westliche Sympathien? Was muß er tun und was muß er unterlassen? – Zu unterlassen braucht er, wenn das Getane lang genug zurückliegt, offenbar gar nichts. Es gibt unter den heute in der Sowjetunion Lebenden wohl kaum einen Menschen, an dessen Händen so viel Blut klebt, wie an denen Malenkows. Er war der dritte Mann jener „troika“, die unter Stalins Leitung und Aufsicht die Blutorgie der Jahre 1937/38 entfesselte. Von den beiden anderen Troikisten starb der eine, Jeschow, eines ebenso unnatürlichen Todes wie seine Opfer, während dem anderen, Wyschinski, wohl zu seiner eigenen Überraschung, ein normales Ende beschieden war. Im Vergleich zu Malenkows Händen sind diejenigen Chruschtschews beinahe sauber. Aber natürlich ist auch das relativ, denn in seiner ukrainischen Heimat, deren „Säuberung“ und Russifizierung Stalin ihm anvertraut hatte, dürfte Chruschtschew verhaßter sein als Malenkow, dessen Opfer aus allen Teilen Sowjetrußlands stammten. Im Kriege verfaßte Chruschtschew Richtlinien für den Partisanenkrieg. Eine dieser Richtlinien war, unter den mit den Deutschen zusammenarbeitenden Russen nur die in der Bevölkerung beliebten zu ermorden, die anderen aber, die geeignet waren, den Haß gegen die Okkupanten zu steigern, zu schonen.

All dies interessiert die westlichen Politiker heute sehr wenig. Die Frage, ob man in dem Machtkampf zwischen Partei und Regierung dem Parteiersten Chruschtschew oder dem Regierungschef Malenkow den Daumen halten soll, wird nach anderen Indizien entschieden: dem Eindruck auf ausländische Besucher, Trinksprüchen bei offiziellen Anlässen, Zeitungsartikeln, Interviews und dem wenigen, was man über die Intrigen hinter den Kulissen weiß.

Wenn heute die parteiamtliche Prawda einen schärferen außenpolitischen Kurs empfiehlt, als die regierungsamtliche Istwestija, so liegt es natürlich nahe, auf unterschiedliche Auffassungen Chruschtschews und Malenkows in der Außenpolitik zu schließen. Ebenso groß ist die Versuchung, in der Hinrichtung des Anti-Schdanowisten Abakumow und zweier anderer höher Beamter des Staatssicherheitsministeriums im Dezember vorigen Jahres eine Rehabilitierung Schdanows und seiner Ideen zu sehen. Gescheiter ist es aber, solchen Versuchungen nicht zu erliegen, sondern in all diesen Vorgängen nichts anderes zu sehen als Scharmützel und Schlachten in einem erbitterten persönlichen Machtkampf.

Von Chruschtschew wissen wir, daß er den von Stalin und Schdanow protegierten Parteibiologen Lysenko abgekanzelt hat. Ferner hat er kürzlich den Architekten, die so bauten, wie Stalin und Schdanow es wünschten, mit der schlichten Frage nach den Kosten ihrer Bauweise einen Kübel eiskalten Wassers über den Kopf gegossen (Siehe DIE ZEIT Nr. 50 vom 16. Dezember 1954). Der Präses der Akademie für Architektur, A. G. Mordwinow, war leider nicht schlagfertig oder mutig genug, zu fragen, ob künftig auch die Stationen der Moskauer Untergrundbahn mit Eternit-Platten und Neonlicht auszustatten seien, statt mit bemaltem Gips und Kristallkronen. Der Mann, der die Verantwortung für den Gips und die Kristallkronen Tägt, heißt nämlich Chruschtschew. Er erhielt dafür den Stalin-Preis.