Während es vor vierzig Jahren noch üblich war, die Literatur des Barock als eine Phase argen Verfalls, als mehr oder minder ungenießbares Produkt des Schwulstes oder der Lehrhaftigkeit abzutun, sind heute die Namen der bedeutendsten Barockdichter wieder zu Ehren gekommen. Diese Rückeroberung einer ganzen Literaturepoche war zum Teil das Verdienst wissenschaftlicher Forschungen, die von Dilthey, Wölfflin, Strich und Vietor angebahnt wurden; aber auch der Expressionismus, der sich dem Barock verwandt fühlte, wirkte hier mit, und endlich schufen die Ereignisse des letzten Krieges eine solche Parallelität der Zeitsituationen, daß die apokalyptischen Bilder barocker Dichtung plötzlich bedrängende Aktualität gewannen. Die in schon stattlicher Zahl seit Kriegsende erschienenen Auswahlen von Barockdichtungen sind begreiflicherweise stark auf diese Ähnlichkeit der Zeitlage hin angelegt, beschränken sich aber fast immer auf die Lyrik. Davon ist Edgar Hederer mit seiner „Deutschen Dichtung des Barock“ abgegangen.

Deutsche Dichtung des Barock. Herausgegeben von Edgar Hederer. Carl Hanser Verlag, München, 528 Seiten. Leinen 13,80 DM.

Hederer hatte die glückliche Idee, neben seiner Lyrikauswahl das lateinisch geschriebene Jesuitendrama „Cenodoxus“ von Bidermann (in einer zeitgenössischen Übersetzung) wieder abzudrucken, das eine der großartigsten dramatischen Gestaltungen barocken Lebensgefühls darstellt, aber nur noch den Literaturhistorikern bekannt ist. Auch die Prosa des Zeitalters wird zur Geltung gebracht mit dem Abdruck des ersten Buches von Grimmelshausens „Simplicissimus“. Hederer bietet also ein umfassenderes Bild der Barockdichtung und er versucht in der Auswahl der Lyrik seine eigenen Wege zu gehen. Natürlich stehen die großen Namen Gryphius, Fleming, Günther im Vordergrund, doch meidet der Herausgeber sichtlich die von den Barockanthologisten schon ausgetretenen Pfade, was nur als Gewinn betrachtet werden kann. Man darf also sagen, daß diese neue Sammlung nicht nur ein aktuelles Interesse ausnutzt, sondern es belebt und vertieft. Aber sie wäre eine reinere Freude gewesen, wenn Hederer in der Behandlung der Texte dasselbe geleistet hätte, was ihm in der Auslese des Stoffes gelang. Wenn es ihm wirklich darauf ankam – wie er sagt –, uns den unverfälschten „Simplicissimus“ in seiner mundartlichen Färbung und seiner erfrischenden Knorrigkeit zu bieten, so war er sehr schlecht beraten, aus der sogenannten „Ausgabe letzter Hand“ von 1771 abzudrucken. Die Grimmelshausen-Forschung weiß seit geraumer Zeit, daß gerade dieser Ausgabe ein durch einen anonymen Korrektor überarbeiteter Text zugrunde lag, in dem das mundartliche Element getilgt und ein nicht ganz unerheblicher Teil der wildgewachsenen Größe Grimmelshausens durch grammatische Korrektheit zur Strecke gebracht wurde. Es ist also sehr bedauerlich, daß diese Erkenntnisse – obwohl längst publiziert – Hederer verborgen geblieben sind, und daß er nicht aus der unverfälschten Ausgabe des „Simplicissimus“ von 1669 druckt, die übrigens der Holländer J. H. Schölte 1938 vorbildlich ediert hat, so daß sie jedermann zugänglich ist. Eine ebenso unsichere Hand hatte Hederer in der Behandlung der Gedichttitel. Daß er umständliche lateinische Titel in einer für ein größeres Publikum berechneten Ausgabe wegläßt, mag hingehen. Warum aber mußte er, wenn er doch den Geist des Barock beschwören wollte, zum Beispiel folgendem Gedichttitel zu Leibe gehen: „Herrn Pauli Fleming! der Med. Doct. Grabschrift, so er ihm selbst gemacht in Hamburg, den 28. Tag des Merzen 1640 auf seinem Todbette, drei Tage vor seinem seligen Absterben.“ Aus diesem Titel lernt der Leser vieles, was in der mit biographischen Anmerkungen sehr kargenden Ausgabe Hederers nicht zu finden wäre. Nämlich, daß Fleming Doktor der Medizin war, daß er in Hamberg starb und wann diese Grabschrift entstand. Vor allem der Duft der Zeit weht uns schon an aus dem bloßen Titel des großartigen Gedichtes. Bei Hederer lautet der Titel schlicht: „Grabschrift für sich selbst.“ Derartige Entseelungen der Titel sind ebenso wie andere kleine Verunstaltungen der Texte mehrfach festzustellen und zeigen, daß sich der Herausgeber die Lösung des schweren Problems, sowohl der alten Dichtung als auch den Verständnismöglichkeiten des modernen Lesers gerecht zu werden, manchmal etwa: zu leicht gemacht hat. –er.