Aufn. Warner-Brothers

Judy Garland – diese Frau wird in der Filmgeschichte einmal genannt werden als der erste Darsteller, der es schaffte, die elf Meter breite Fläche der Cinemascope – Breitwand singend, tanzend, spielend, allein zu beherrschen. Sie erreicht es durch Intensität und Besessenheit, sie strahlt so viel Feuer aus, daß es die Zuschauer berauscht wie Sekt. Diese Hollywooder Chansonsängerin, die mit 32 Jahren in USA schon zum alten Eisen gehörte, feiert in dem Film „Ein Stern fiel vom Himmel“ (A star was born) – einer Art Operettenrevuefilm (und einer herben Hollywood-Persiflage) im pathetischen Wagner-Opernstil und mit etwas zu schweren Farben – nicht nur, wie die Amerikaner ihr attestieren, ihr sogenanntes Come-back als Sängerin mit einer dunklen, mächtigen Stimme, sondern überrascht als Schauspielerin im dramatischen Fach. Im Menschlichen hat Chaplin in seinem letzten Film „Rampenlicht“ mit der Tragödie des alternden, dem Trunk ergebenen großen Künstlers, der einer jungen Frau zur großen Karriere verhilft, sie liebt, aber dann, um ihr nicht im Wege zu stehen, aus dem Leben geht, sehr viel tiefer und wahrer angelegt, als es die Produzenten dieses Films vermögen, obwohl sie sich acht Monate Zeit nahmen und sechs Millionen Dollar in diesen Film investierten. Allein, es wird sichtbar, daß für Geld noch lange nicht alles zu haben ist. Die mammuthaften Vergrößerungen mit überweiter Distanz zwischen dem Paar und komischen Bildschnitten an den Figuren oben und unten, weil sie anders nicht ins Format passen, zerstören im Kammerspiel zu Zweit die letzte Intimität der Liebesszene, die der Film bisher noch hatte. Jedoch – die etwa zwölf einfallsreichen, zündenden Musik- und Tanznummern in der weiten Panorama-Bewegung der Breitwand machen großen Eindruck und schöpfen die neue Filmart aus. Glanzvoll sind besonders jene Solopartien Judy Garlands (unser Bild), in denen sie minutenlang ganz allein agiert und „Einen Amerikaner in Paris – in Brasilien – in China“ parodiert, mit einem so sprühenden Witz, wie es nur die hierin ganz und gar beneidenswerten Amerikaner fertigbringen, über sich selbst zu lachen. Neben der für diese Leistung bewunderswerten Judy Garland hat James Mason als verkommene Hollywoodgröße bedeutende Augenblicke, obwohl alle Szenen, die einen notorischen Trinker wirklich charakterisieren könnten, vorsichtig ausgespart sind. (Kurbel, Hamburg), um die Filmfans nicht zu schockieren. EM