E. M., Brüssel, im Januar

Belgien gehört zu den europäischen Ländern, in denen auf dem Automobilmarkt der lebhafteste Wettbewerb herrscht. Entsprechend bunt und fast lückenlos war auch in diesem Jahr wieder das Angebot auf dem die Saison eröffnenden 28. Brüsseler Autosalon. Die Amerikaner beherrschten mit ihren neuen 55-Modellen die Hallen. Einer der Großen, Ford, ging mit seinem Programm aus Amerika, England, Frankreich und Deutschland – der neue Ford-Taunus 15 M fand starke Beachtung – gleich in eine eigene Halle. Aber auch die anderen Amerikaner präsentierten ihre von den „Haute Couturiers“ des Karosseriebaues, den Italienern, entworfenen Wagen mit neuem Gesicht. In kühnen Farbabstimmungen und luxeriösem Komfort der Innenausstattung treiben die Amerikaner die für den „Normal-Automobilisten“ nur zu erträumenden Möglichkeiten auf die Spitze. Alles ist bei ihnen sehr stark auf das Auge abgestellt und verfehlt bei den mit Hermelin und Nerz behangenen Damen im Brüsseler Salon keineswegs seine Wirkung

Turbo-Motoren oder der für die Serienfabrikation reife Kolbenmotor ohne Kurbelwelle sind noch nicht vertreten. Rolls-Royce, der konservativste und für den Lord mit Zylinder immer noch unersetzliche Wagen „made in England zahlt erstmals seinen Tribut an die Stromlinie: die Ecken sind abgerundet und die Scheinwerfer in die Kotflügel einbezogen.

Doch wollen wir uns nicht vom Chrom und bunten Lack auch der französischen, schwedischen, italienischen und tschechischen Wagen blenden lassen; die Verkaufszahlen offenbaren den Erfolgreichen. Von 94 404 im vergangenen Jahr nach Belgien importierten Personenwagen und 18 357 Nutzfahrzeugen (1953 waren es 73 217 bezw. 15 804) lieferten die vollzählig in Brüssel vertretenen deutschen Firmen 35 121 PKW (10 755 oder 45 v. H. mehr als 1953). Mit 6063 Nutzfahrzeugen lag 1954 die Stückzahl des deutschen Imports um gut 2000 über der von 1953 und war größer als die Frankreichs, Englands und Schwedens zusammen. Nur die USA haben noch ein Plus von 100 Einheiten gegenüber Deutschland (1953: 1600 Stück). Bei den Personenwagen konnten die Amerikaner ihre Jahresstückzahl von rund 20 000 in den letzten drei Jahren behaupten; prozentual ist ihr Absatz aber ständig sinkend.

Was beweisen die Zahlen? Gestützt von einer Hochkonjunktur ist die Aufnahmefähigkeit des belgischen Automobilmarktes ungeschmälert. Neue Käuferschichten konnten erschlossen werden. Nicht der noch so komfortable „Ambassadeur“ und „Donnervogel“ sind Trumpf: die mittleren Tourenwagen und Kleinwagen machen das Rennen. Von einem im letzten Jahr gegenüber 1953 um 21 000 Wagen gestiegenen Gesamtabsatz sicherte sich die deutsche Automobilindustrie den Löwenanteil. Sie importierte gut ein Drittel aller in Belgien verkauften Personen- und Nutzfahrzeuge und mehr als die Hälfte aller aus Europa gelieferten Wagen. Dieser unbestreitbare Erfolg wurde erreicht in einem Jahr, in dem auf Grund des belgischen Sperrgesetzes die belgischen Importeure mit Unterstützung der deutschen Firmen Montagewerke aus dem Boden stampfen mußten, wollten sie nicht mit einem Schlag wieder vom belgischen Markt verdrängt werden. Während Deutschland 1953 noch 21 540 komplette Personenwagen lieferte und nur 2826 montierte – die USA, England und Frankreich montierten damals schon 80 bis 95 v. H. ihrer Wagen in Belgien oder in Holland – wurden 1954 schon 22 123 deutsche Pkw in Belgien montiert und „nur“ noch 12 804 fertig geliefert.