Wer geglaubt hat, daß der Januar eine Fortsetzung der stetigen Abwärtsbewegung bei den Aktien bringen würde, ist innerhalb von drei Wochen zum zweiten Male enttäuscht worden. Wieder einmal war es New York, das den Anstoß für eine rückläufige Bewegung: gab. Bei der dortigen schwachen Tendenz hielt sich die ausländische Kundschaft auch auf den deutschen Wertpapiermärkten zurück. Der Inländische Handel (vor allem die Banken) war nicht gewillt, das keineswegs umfangreich anfallende Material zu den bisherigen Höchstkursen aufzunehmen, so daß es namentlich in den Hauptwerten abzubröckeln begann. Diese Tendenz verstärkte sich mit Zunahme der innenpolitischen Spannungen, die in den Streikaufrufen der Gewerkschaften ihren Ausdruck fanden. Jetzt gab es auch von außerhalb der Grenzen Verkaufsorders, und das Tempo der rückläufigen Bewegung wurde verschärft. Diese empfindliche Reaktion des Auslandes – mag sie auch objektiv in ihrem Ausmaß nicht gerechtfertigt sein – wird verständlich, wenn man sich vor Augen hält, daß eine der Säulen des „deutschen Wunders“ der langjährige Arbeitsfrieden in der Bundesrepublik ist. Man muß also damit rechnen, daß eine Fortsetzung der gewerkschaftlichen Aktionen die Kursentwicklung auf dem gesamten Aktienmarkt – nicht nur bei den jeweils betroffenen Industriegruppen – in negativer Hinsicht beeinflussen wird.

Vorerst scheint den Banken, jedenfalls den größeren, eine Abschwächung nichtunwillkommen zu sein. In Anbetracht des geringen flottanten Materials wäre auch auf der jetzigen Basis eine erfolgreiche Kursstützung nicht schwer. Aber nach der langen Hausse-Bewegung des vergangenen Jahres hält man mit Recht einen gewissen Rücklauf für erwünscht. Allzu weit kann er ohnehin nicht gehen, dafür werden steigende Dividenden und Kapitalerhöhungen schon sorgen. Als die Montan- und IG-Farben-Kurse etwa um 10 bis 12 Punkte, gefallen waren, ließen sich die Haussiers nicht mehr halten und begannen mit Meinungskäufen, die den Märkten bereits – wieder ein festes Wochenende bescherten, überdies ist die Tendenz an der New Yorker Börse seit einigen Tagen zur freundlichen Seite hin umgeschlagen.

Wie schon angedeutet, gehörten die IG-Farben-Nachfolgegesellschaften zu den Hauptleidtragenden der schwachen Börsen. Bei den „großen Drei“ (Bad. Anilin, Bayer, Hoechst) gab es Zunächst ein Minus von 10 Punkten, im Zuge der Rückkäufe zogen die Kurse um etwa 3 Punkte wieder an. Cassella entwickelten sich dagegen entgegengesetzt zur Allgemeintendenz und kamen erstmalig auf 500 v. H. (plus 18 Punkte). Auf dieser Basis ist aus privater Hand sehr viel Material abgestoßen worden. Inzwischen ist ein Kurssturz bei Cassella eingetreten (505–470), aber auch auf der ermäßigten Basis war das Material nicht voll unterzubringen.

Am Montanmarkt lagen insbesondere die Papiere unter Druck, die in letzter Zeit stark favorisiert worden waren. Empfindlich gegen Rückschläge erwiesen sich ferner alle jene Werten bei denen die Dividende noch im unklaren liegt. Auch hier kam es am Wochenende wieder zu steigenden Kursen. Die drei Mannesmann-Papiere (Mannesmann, Consolidation und Stamag) verloren 10 Punkte und liegen jetzt einheitlich auf 178 v. H. Rheinstahl gaben um etwa 5 Punkte nach. Wie aus Börsenkreisen zu hören ist, bemüht sich die Verwaltung gegenwärtig um eine Abschwächung der Folgen, die durch die Anfechtungsklage des Bremer Kaufmanns Krages gegen die Beschlüsse der HV in bezug auf die Kapitalumstellung zu erwarten sind. Durch diese Klage wird einmal die Ausschüttung der Rheinstahl-Dividende unmöglich gemacht, zum anderen können die Rheinstahl-Aktien nicht an die IG-Farben-Aktionäre ausgegeben werden; das gleiche gilt für die Aushändigung der Aktien der Gelsenkirchener Bergwerks-AG an die Rheinstahl-Aktionäre, die dadurch zunächst nicht in den Genuß der Gelsenkirchen-Bergwerks-Dividende kommen.

Von den lokal- und Spezialwerten machten nur einige Papiere die rückläufige Bewegung mit. Von Verlusten wurden auch hier im wesentlichen nur die Aktien betroffen, die in den vergangenen Wochen durch ungewöhnliche Gewinnspannen von sich reden machten. Diese Gewinne hat man zum Teil jetzt realisiert. Am Bankenmarkt ging es relativ ruhig zu. Uneinheitlich tendierten die Reichsbank-Anteile. Die Umstellung der Anteile im Verhältnis 10 : 6 in Anteile der Bundesnotenbank hat zunächst eine tiefe Enttäuschung hervorgerufen, da man anfangs mit einer Relation von 1 : 1 gerechnet hatte, zumindest aber auf. eine Zahlung rückständiger Dividenden hoffte. Wenn sich der Kurs doch wieder auf 79 3/4v. H. erholte, dann setzten sich Überlegungen durch, die darauf basierten, daß die Aktien der künftigen Bundesnotenbank doch mindestens mit 150 v. H. bewertet werden müßten. Demnach wäre also für die Reichsbank-Anteile noch einiger Spielraum nach oben. Dennoch ist selbstverständlich Vorsicht geboten, solange die Statuten der Bundesnotenbank noch nicht festliegen, ebensowenig wie der Zeitpunkt ihres Inkrafttretens. Unter Berücksichtigung des Umstellungsverhältnisses von 10 : 6 bei den Reichsbank-Anteilen würde sich eine Umstellung bei den Aktien der Dt. Golddiskontbank von 10 : 3 ergeben.

Am Rentenmarkt verstärkt sich die Nachfrage nach Anlagewerten aller Art. Die anhaltende Geldflüssigkeit brachte den kurzfristigen Papieren weiter steigende Kurse; Die Bundesanleihe (5 v. H.) stellt sich jetzt auf 105 v. H. Noch vorhandene Rest-Emissionen an steuerfreien Hypothekenpfandbriefen finden raschen Absatz. Reichsschatzanweisungen liegen zwischen 4 und 4 1/4 v. H. –ndt.