Besuche prominenter Persönlichkeiten aus Handel und Wirtschaft der südamerikanischen Staaten sind in Bonn während der letzten Jahre keine Seltenheit mehr. Seltener pflegen schon die positiven Ergebnisse der mit ihnen gepflogenen Besprechungen zu sein. Die Kommuniqués bewegen sich gern am Rande der zur Debatte stehenden Fragen und weisen dafür um so nachdrücklicher auf die großen Möglichkeiten in Südamerika selbst hin, die zweifellos unter gewissen Vorbedingungen auch vorhanden sind, auch in Chile, dessen Vizepräsident der offiziösen „Gesellschaft zur Förderung der Produktion“, Sr. Guillermo del Pedregal, kürzlich in Bonn zu Besuch war, um mit Bundeswirtschaftsminister Erhard über deutsche Kapitalinvestierungen in seinem Land zu verhandeln. Zuvor hatte der hohe Gast eine Reihe von Industriewerken an Rhein und Ruhr besichtigt und anschließend in Köln vor einem interessierten Auditorium mit bestechenden Worten eine deutsche Teilnahme am wirtschaftlichen Aufbau Chiles angeregt. Im Vordergrund standen dabei die Bodenschätze Kupfer und Eisen, ferner die Errichtung von Elektrizitäts- und Wasserkraftwerken sowie die Erschließung der Erdölquellen. Auch die Landwirtschaft und die chemischen Industrien bieten nach Angabe Pedregals dem deutschen Kapital große Chancen.

Die Verhandlungen zeitigten bisher jedoch keine greifbaren Resultate. Herr Guillermo del Pedregal ist in seine Heimat zurückgekehrt mit der Zusicherung größtmöglichen Entgegenkommens und einer Ausweitung des deutsch-chilenischen Handels um 15 Mill. sofern die Umstände es irgend erlauben. Angesichts der alten Freundschaftsbeziehungen mit Chile, das sich in zwei Weltkriegen uns gegenüber neutral verhielt und das auf eine mehr als hundertjährige aktive Teilnahme Deutscher am eigenen Schicksal zurückblicken kann, mag es Prof. Erhard nicht leicht gefallen sein, den Gast mit halben Versprechungen ziehen zu lassen. Dem Vernehmen nach sollen die Verhandlungen durch Fachausschüsse weiter vorangetrieben werden. Als möglich gilt auch ein zweiter Besuch Pedregals in Bonn.

Die Gesamtsituatiöit Chiles erweist sich bei näherer Betrachtung trotz vielseitiger Betätigungsmöglichkeiten für uns als nicht eben rosig. Große soziale Spannungen in der Arbeiterschaft, häufige Streiks, die prekäre Geldlage und schließlich die Lieferschwierigkeiten an Kupfer und anderen Erzen, deren Gruben sich zumeist in nordamerikanischen Händen befinden, schaffen labile Vernältnisse, die jede Kalkulation auf längere Sicht als problematisch erscheinen lassen. Zwar räumt Chile der ausländischen Investition mancherlei Vorteile ein, jedoch unter Vorbehalten, die auch ihr Risiko einschließen. So ist beispielsweise ein Transfer der investierten Kapitalien erst nach Ablauf von fünf Jahren möglich, und so verlockende Angebote wie Zinsüberweisungen, Re-Export von Gebrauchsgütern und Steuerfreiheit für Reingewinn bedingen eine Festanlage für mindestens zehn Jahre. Der Interessent fragt sich: Was mag in fünf oder zehn Jahren sein? Wer dem Lauf der Dingein Chile seit 1945 aufmerksam gefolgt ist, kann mit einigem Grund Bedenken hegen für die Sicherheit seiner Kapitalien, zumal auch für Kursschwankungen keinerlei Garantie besteht.

Einigermaßen undurchsichtig ist auch die Transportfrage nach und von Chile, zumal im Falle einer Realisation der geplanten Handelserweiterung um 15 Mill. $. Zur Zeit liegt dem Parlament in Santiago ein Gesetzentwurf vor, dem zufolge 50 v. H. der Aus- und Einfuhr auf chilenischen Frachtern zu erfolgen hat. Nach Auffassung von Sachverständigen können aber augenblicklich nur 10 v. H. des gesamten Außenhandels mittels der 94 Schiffe (200 000 BRT) zählenden Handelsflotte befördert werden. Der bisherige deutsch-chilenische Handelsvertrag sieht ein Jahresvolumen von 35,1 Mill. $ vor. Deutschland erhielt 1953 von Chile jedoch nur für 13,5 Mill. Kupfer und Kupfererze, während es nach Chile Waren im Werte von 26 Mill. $ ausführte ...

Zugegeben sei, daß von chilenischer Seite die größten Anstrengungen gemacht werden, um aus dem Wirtschaftsdilemma heraus zu kommen. Aber die Tatsachen lehren doch, daß sich bisher kaum etwas geändert hat. Die Kupferausfuhr hat sich verringert, und die öffentlichen Lasten bedingen einen immer größeren Geldumlauf. Einheimische Industrieprodukte stellen sich im Preis höher als importierte Waren, für deren Bezahlung es dann jedoch an Devisen mangelt. Der Staatshaushalt für das neue Jahr weist nach Angaben des Finanzministeriums ein Defizit von nicht weniger als 7,4 Mrd. Pesos auf. Das alles sind Dinge, die auch wir ins Kalkül ziehen müssen, ehe wir den Lockungen unserer Freunde an der Pazifikküste Folge leisten. Heinz Hell.