Bonn, im Januar

Dat Brückemännche is baden gegangen.“ Der Abgeordnete aus dem Bayerischen Wald, dem ein Türhüter des Bundeshauses diese Neuigkeit verpaßt, blickt verständnislos vor sich hin. Er vermag sich darunter nichts vorzustellen. Der Mann aus dem Bayerischen Wald ist nicht der einzige Parlamentarier, dem man in diesen Tagen seine Verlegenheit anmerkt. Immer wenn im Plenum die Rede auf den Bundesgrenzschutz kam, hatte ein gutes Drittel, mitunter die Hälfte des Hohen Hauses seiner Abneigung freien Lauf gelassen. Das Hochwasser im Bundeshaus hat das geändert. Die Abgeordneten sind sich in ihrem Lob über die Grenzer einig, seit sie gesehen haben, wie die wackeren Grenzerjungens Sandsäcke zur Verteidigung des Bundestages gegen den Rhein schleppten. Lieb’ Vaterland, magst ruhig sein! Was die Grenzer über den Bundeshausbetrieb dachten, war schwerer zu ergründen. Im sachten Tritt balancierten sie ihre Sandbeutel durch Wandelhalle und Nordgalerie an die bedrohte Rheinfront des Hohen Hauses. Journalisten behaupten, daß sie dabei den Refrain eines leicht abgeänderten Schlagertextes summten „... die süßesten Früchte fressen nur die Offiziere...“ Als der Chef des Grenzschutzes, General a. D. Matsky, erschien, war das Summen jedenfalls unhörbar geworden. „Der Matsky ist da“, flüsterte ein Grenzer erregt in ein Reporterohr. Als der, Unwissenheit vortäuschend, zurückfragte, wer das sei, kam es respektvoll knapp: der General! Darauf der Reporter: „Wenn der Rhein das hört, wird er gleich zurückgehen!“

Von Sonntag bis Mittwoch sprach man In der vorläufigen Bundeshauptstadt über nichts anderes. Die Börsenkurse waren so unwichtig geworden wie der Rüstungspool oder die russische Erklärung. ER war in aller Munde! Damit meinte man jetzt nicht den Bundeskanzler, sondern den Stromvater Rhein! Er fiel oder er stieg! Um 3, um 6, um 9 Stundenzentimeter!

Politiker haben es gewiß nicht leicht, weil sie ständig im Kreuzfeuer der öffentlichen Kritik stehen. In diesen Tagen hatten es die Architekten noch schlechter. Man stritt nicht mehr über den Grad ihres Könnens, sondern nur um das Ausmaß – und die Folgen ihrer Verfehlungen! Wie konnte es geschehen, daß der Rhein im Bundeshaus, in den Obercasseler und Mehlemer nagelneuen Bundessiedlungen das Grundwasser in den Kellern schon hochdrückte, bevor er überhaupt richtig seine Ufer überschritt? Was sind das für Baumeister, die erst bedenkenlos riesige Baukomplexe und halbe Wohnstädte in die Rheinniederungen setzen, deren Hochwasserstände seit Jahrhunderten bekannt sind, und es obendrein fertig bekommen, das gesamte Kanalisationssystem dieser Neubauten so mit dem Rhein zu verbinden, daß nach dem Gesetz der kommunizierenden Röhren schon ein mäßiges Ansteigen des Stromes genügt, um die Kellerventile zu sprengen und die Fundamente zu überschwemmen. Am schwersten vielleicht ist das Vertrauen in die deutsche Bau- und Kanalisationstechnik bei den am Rhein angesiedelten Diplomaten erschüttert worden. Bonner, Godesberger und Mehlemer sind alte Hochwasserhosen, die, an den Kummer seit Kindesbeinen gewöhnt, allenfalls im rheinischen Platt Witze machen, wenn sie erleben, wie der Bundesverkehrsminister die Feuerwehr alarmiert, um die Keller seiner Godesberger Villa mit Sandsäcken auffüllen zu lassen. Sie wissen im voraus, daß der Rhein dieser Vorsorge eines Ingenieurs im Ministersessel spotten wird. Den Diplomaten waren solche Einfälle gar nicht gekommen, weil sie sich im Bewußtsein des deutschen Wunders in ihren von der Bundesregierung erbauten und ihnen vom Protokoll zugewiesenen Häuschen völlig sicher gegen die Unberechenbarkeiten des Schicksalsstrom es wähnten. So konnte es geschehen, daß ein lateinamerikanischer Botschaftsrat, der Hochwassergefahr lächelnd, einen kurzen Urlaub antrat und bei seiner Rückkehr seine Behausung in ein Wasserschloß verwandelt sah. Dem Versuch, die fehlende Zugbrücke durch einen kühnen Vorstoß zu überwinden, zeigte sich sein auf amphibische Abenteuer nicht eingerichtetes Auto nicht gewachsen. Als der Botschaftsrat endlich sein Heim erreichte, schwammen ihm im Entree Batterien geleerter Whiskyflaschen entgegen. Die ungeleerten Bestände seines Weinkellers ab er deckte eine anderthalb Meter hohe schmutzige Flut. Seine mittelöstlichen Nachbarn mußten dem Fluß im Keller gehortete Süßigkeiten und Spezereien überlassen. Erst als die Diplomaten deutscher Hausbewohner ansichtig wurden, die familienweise Koks und Briketts als den Kellern unters Dach verlagerten, wurden sie sich des Ernstes der Lage bewußt. Aber da war es zu spät!

Der Rhein ließ den Bundespräsidenten in Ruhe und seinen größten Sohn, den „Alten“! Villa Hammerschmidt und Palais Schaumburg blieben hochwasserfrei. Ein Lobbywitz behauptete, wenn der „Alte“ auf der Bühler Höhe sei, tanze nicht nur der Dehler, sondern auch der Rhein auf dem Tische! Neben dem Bundeshaus nahm er ein anderes Nervenzentrum am Kragen, die Mehlemer HICOC, den in die Deichmannsaue gebauten Wolkenkratzersitz des Kommissars der Vereinigten Staaten. Wer diese Lage einmal ausgewählt hat, ist schwer zu ermitteln. Die Fama behauptet, wie alle Eroberer wollten die Amerikaner eine Burg und eine Stadt an Rhein gründen, und darum hätten sie die Burg in Mehlem und die Wohnstadt in Plittersdorf auf die Stromufer gesetzt. Jahrelang war der HICOC-Wolkenkratzer bundeshauptstädtisches Gespött, weil er eine Architektur zeigt, die man in Deutschland nur noch in dem Museumsdorf Uhldingen am Bedensee kennt. Er ist auf Pfählen errichtet! Drei Meter über dem Erdboden erheben sich die Roste, auf denen die HICOC nach Le Courbusier-Manier mehr schwebt als ruht. Die Amerikaner – so hieß es – wollen sich für den Fall der Fälle wappnen. Wenn dieser eintritt, so meinten die Spötter, wenn der Rhein jemals die HICOC erreicht, ist ohnehin alles zu Ende, denn dann geht auch Bonn unter! Wie recht hatten die munteren Propheten! Die Vorsorge der Amerikaner machte sich überdies nicht bezahlt! Als der Rhein die Roste zu umspülen begann, bemerkten die 2000 Mitglieder der Hochkommission, daß die Architekten vergessen hatten, Hochwassereingänge zu bauen, daß die Fahrstühle wie anderswo im Keller endeten und wegen Überflutung ausfielen, daß endlich die oberen Stockwerke des riesigen Gebäudekomplexes nicht durch Brücken mit den benachbarten Steilhängen verbunden waren.

Als auch das Telephon ausfiel und „Amiwagen“ im Hof der modernen Büroburg reihenweise zu ertrinken begannen, ordnete Mr. Conant „Flutferien“ an und zog sich mit einem kleinen brain trust zur Wahrnehmung der Geschäfte in seine mit grünen Markisen geschmückte und mit New Yorker Feuerleitern einscharnierte Godesberger Privatvilla zurück. Damit aber kehrten die Amerikanei der Deichmannsaue nicht den Rücken. Was nun einsetzte, war der größte Pilgerzug amerikanischer Familien in Deutschland. Aus Automobilgeschwadern wälzten sich unter der Führung unzähliger daidies die Damen und Kinder in den unwahrscheinlichsten, halb rheinischen, halb wildwestartigen Verkleidungen an den Rand des in einen riesigen Teich verwandelten HICOC-KompIexes, um zu dem auf trüben Fluten treibenden Pfahlrostwolkenkratzer hinüberzublicken. In die wilden Schreie der amerikanischen Kinder, die sich vor Entzücken über die Launen des Stromes kaum fasser konnten, mischte sich das Geklick zahlloser Kameras und das Hupkonzert der Fahrzeuge.

Von den Uferlokalen hatte das Dreesen am wenigsten zu lachen. Grenzte es sich seit Jahrzehnten gegen die benachbarte Konkurrenz vornehm als „Rheinhotel“ ab, so erhielt es jetzt die Quittung. Der Strom umschlang es von allen Seiten. Einen eilends geschlagenen Holzsteg flankierte ein lockendes und ein abweisendes Schild: „Es ist angenehm geheizt“ und „Nur für Hotelgäste“! Wer den Prachtbau betrat, dem stiegen Bilder der Erinnerung auf. Nach großen Luftangriffen sah es so im Berliner „Bristol“ oder im „Adlon“ aus. Die Parterreräume mit den großen Aussichtsfenstern, in denen sonst die Manager des Ruhrgebiets ihre Sitzungen halten, bis sie über dem Panorama des Flusses ihre Bilanzen und Kreislaufstörungen vergessen, waren ausgeräumt. Zwischen den dick eingefetteten Parkettplatten stiegen die ersten Bläschen des aus dem Keller dringenden Wassers auf. Büfetts und Kühlschränke thronten über Pyramiden von Mauersteinen, auf die man sie in der Hoffnung gehoben hatte, das Wasser werde nicht bis zum ersten Stock steigen. Im „Schaumburger Hof“ sah es nicht viel besser aus. Nur ein Rheinhotel hätte dem Sturm des Elements zu trotzen vermocht. Leichtsinnigerweise hatte man vor zwei Jahren den „Knurrhahn“, Bonns einziges schwimmendes Hotel, ortsverwiesen. Käme er heute zurück, die Seestadt Bonn würde ihm einen begeisterten Empfang bereiten! H. G. v. Studnitz