Wenn die Zeit und Mühe, die für die Vorbereitung und den Abschluß des neuen Interzonenhandelsabkommens aufgewandt worden ist, allein eine Gewähr für sein Gelingen wäre, müßte jetzt eitel Freude über die künftige Entwicklung der wirtschaftlichen Beziehungen zwischen beiden Teilen Deutschlands herrschen. Solche Vorschußlorbeeren sind aber nirgends unangebrachter als hier. Das vorjährige Abkommen, das ohne die Überhänge aus der Vergangenheit einen Warenaustausch von je 550 Mill. Verrechnungseinheiten vorsah, ist trotz unverkennbarer Aufwärtsentwicklung gegen Ende des Jahres wegen der unzureichenden Lieferfähigkeit des Ostens nur zu etwa 80 v. H. erfüllt worden. Dennoch ist den Pankower Unterhändlern die von ihnen seit langem mit propagandistischen Fanfarenstößen geforderte Erhöhung auf beiderseits je eine Milliarde Verrechnungseinheiten zugestanden worden.

Das ist ein großes Wort, dessen Gültigkeit sich erst erweisen muß. Aber nicht nur in der Summe hat der Westen Konzessionen gemacht, die nach allen bisherigen Erfahrungen große Überwindung gekostet haben. Ein erheblicher Teil der bisherigen Schwierigkeiten hat darin bestanden, daß die Sowjetzone die auf den einzelnen Unterkonten vereinbarten Wertgrenzen für verschiedene Güter nicht einhalten konnte (oder wollte). Als Ausgleich hatte sie dann häufig erhöhte Lieferungen derjenigen Waren gewünscht, für die im Westen entweder nur wenig Interesse bestand oder die zum Schutz der einheimischen Wirtschaft nicht angenommen werden konnten. Es entbehrt nicht eines gewissen dialektischen Reizes, wenn in den zurückliegenden monatelangen Berliner Verhandlungen ausgerechnet die Vertreter der in bolschewistische Ketten gelegten Planwirtschaft für eine völlige Liberalisierung im innerdeutschen Handel eingetreten sind. Auch hier haben die westlichen Verhandlungspartner entgegen allen Erfahrungen Zugeständnisse bis zur Grenze des Verantwortbaren gemacht. Es wird sich zeigen, ob der westliche Vorbehalt, im Laufe der Vertragszeit bei kritischen Waren von Fall zu Fall Wertgrenzen festzulegen, gegebenenfalls auf der anderen Seite respektiert wird oder Zum Stillstand führt.

Es ließe sich darüber streiten, ob es vom Westen überhaupt zu verantworten war, angesichts der Vergangenheit ein Abkommen zu unterzeichnen, dessen Realisierung von vornherein sehr zweifelhaft ist. Da aber im Osten auch jeder wirtschaftliche Vorgang zuallererst ein Politikum ist, sollte man den Versuch begrüßen, durch guten Willen die Ernsthaftigkeit der westlichen Versicherungen über die Bereitschaft zu gesamtdeutschen Regelungen zu beweisen. Dem Osten ist damit ein billiger propagandistischer Trumpf aus der Hand geschlagen. Schon die nächsten Monate werden zeigen, ob Pankow dem papierenen Wort die materielle Tat folgen läßt oder nicht. Der gute Ruf einer runden Milliarde steht auf dem Spiel. Das hat hoffentlich auch Pankow begriffen. gns.