v. d., Radebeul

In unmittelbarer Nähe Dresdens liegt der Industrieort Radebeul. Außer Maschinenfabriken und anderen Werken arbeitet in Radebeul die Schokoladenfabrik VADOSSI. Der Besitzer dieser Fabrik vermochte sein Werk nach 1945 mit Glück und Geschick als Privatbesitz zu erhalten – nicht zuletzt, weil der mustergültig geführte und gut produzierende Betrieb den kommunistischen Verstaatlichungsbeamten keinerlei Anlaß zum Eingreifen bot. Die VADOSSI-Arbeiter verehrten den Eigentümer, weil er schon lange von sich aus günstigste soziale Bedingungen geschaffen hatte. Zu seinem Erstaunen mußte der kommunistische Gewerkschaftsbund feststellen, daß in diesem von einem „Kapitalisten“ geleiteten Betrieb bessere soziale Zustände herrschten als in verstaatlichten Werken... Der Besitzer hatte das Werk mit seinen Angestellten aufgebaut und beteiligte sie auch am Gewinn. Die Löhne und Gehälter in der Fabrik lagen weitaus über denen, die im Tarif vorgesehen waren. Bezeichnend war es auch, daß in den Nachkriegsjahren viele Arbeiter aus verstaatlichten Betrieben versuchten, eine Anstellung bei VADOSSI zu finden. Das alles wäre so geblieben, wenn der Besitzer nicht gestorben wäre.

Es war bekannt, daß der Besitzer keine natürlichen Erben hatte. Die von den Kommunisten als unwesentlich angesehene Testamentseröffnung brachte jedoch eine gewaltige Überraschung: Der Fabrikbesitzer hatte als Erben alle Belegschaftsangehörigen eingesetzt! Sie erbten auch sein gesamtes anderes Vermögen.

Vergeblich versuchte man, dieses Testament vor der VADOSSI-Belegschaft zu verheimlichen. Dann schickte die SED ihre besten Dialektiker und Argumentoren in das Werk. Diese Leute erklärten: schön, da habt ihr nun eine Fabrik geerbt, ihr seid also deren Besitzer. Was aber wollt ihr euch mit der Leitung belasten? Das nehmen wir euch gerne ab und verstaatlichen den Betrieb. Es ändert sich ja auch nichts dabei. Verstaatlichte Fabriken „gehören“ ja bei uns Kommunisten sowieso den in ihnen beschäftigten Arbeitern. Wir verstaatlichten sie ja, damit sie nicht ein einzelner, sondern jeder besitzt.

Die Arbeiter von VADOSSI hatten jedoch ihre eigene Meinung. Darauf erschienen Steuerprüfer in der Fabrik und entdeckten plötzlich angebliche Steuerrückstände, obwohl das Werk vorher alle diese Prüfungen ohne Nachzahlungen überstanden hatte. Die Belegschaft gab dennoch nicht klein bei. Sie zahlte die Steuern und arbeitete weiter. Nun erhob der Staat eine Forderung auf Erbschaftssteuer von einer Million Ostmark. Arbeiter und Angestellte verzichteten auf Teile ihrer Löhne und Gehälter und zahlten.

Auch heute ist dieser Kampf noch nicht beendet. Obwohl die Übereignung an den Staat nicht juristisch festgelegt wurde, wird VADOSSI nach außen als staatlicher Betrieb bezeichnet. Durch Zurückhalten von Rohstofflieferungen wird zwischendurch immer versucht, den Betrieb in Schwierigkeiten und die Arbeiter um ihren rechtmäßigen Besitz zu bringen. Als man von ihnen, jetzt nochmals Verzichtsunterschriften forderte, unterschrieb wieder kein einziger.