In diesen Tagen begeht die indische Republik den fünften Jahrestag ihrer Proklamation. Seit dieser Proklamation hat die indische Frau, die vorher in häuslicher Abgeschiedenheit – Harem im mohammedanischen und Purdah im hinduistischen Bereich – lebte, ihren Wirkungskreis mehr in die Öffentlichkeit verlegt. Als ihr plötzlich alle Türen offenstanden, ging sie ganz selbstverständlich den Weg, den einige Unentwegte ihr im Zeitalter des Freiheitskampf es bereits vorgezeichnet hatten. Beispiel der sprunghaften Entwicklung, die der Frau in Indien ihren Platz in der Öffentlichkeit sicherte, ist bei uns im Westen der Lebensweg von Vijaya Lakshmi Pandit, die Indien in Washington als Botschafterin vertrat, ein Jahr Präsidentin der Vollversammlung der UNO war und heute als Hoher Kommissar in London akkreditiert ist. Eine in Indien ebenso bekannte Frau, die in den öffentlichen Dienst der Menschen ihrer Heimat trat, ist Rajkumari Amrit Kaur, (Bild links oben), die seit 1947 das Amt eines Gesundheitsministers ausübt. Sie gehört als Angehörige des Fürstenhauses von Kapurthala dem Hochadel Indiens an. Bereits nach dem ersten Weltkriege wurde sie eine Anhängerin des Mahatma, dem sie auch fünfzehn Jahre lang als Sekretärin diente. Bei den ersten UNESCO-Kongressen vertrat sie als Chefdelegierte ihr Land. Ihr größtes Interesse galt stets der Hebung des Gesundheitswesens und der Frauenbildung. Ihre eigenen Mittel erlaubten ihr, Sanatorien und Krankenhäuser zu unterstützen und Sanitäterstationen in einzelnen Dörfern zu errichten. Es war daher ganz selbstverständlich, daß im freien Indien ihr das Amt gegeben wurde, das die Möglichkeit, helfen zu können, noch vervielfachte. Rajkumari Amrit Kaur bekennt sich aus den gleichen Motiven heraus, die sie zur Bewegung des Mahatma übertreten ließen, zur Lehre Christi. Bild unten links: An vielen Schulen studieren die jungen Inderinnen heute in einer Art, die sich ganz mit den europäischen oder amerikanischen Schulen und Colleges messen lassen. Die Kaminecke dieses Mädcheninternats in Lucknow im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh – bislang mehr unter dem Namen der Vereinigten Provinzen bekannt – erinnert an die britischen Erbauer des Gebäudes. Der Kamin ist allerdings noch nicht benutzt worden. In kleinen Gemeinschaften, die auch gemeinsam essen und Sport treiben, pflegen die Mädchen ihre literarischen, wissenschaftlichen und hauswirtschaftlichen Sonderinteressen. Clare, die zweite von rechts, ist Anglo-Inderin und, da ihre Muttersprache englisch ist, das As dieses literarischen Quintetts, das durch die gemeinsame Liebe zur englischen Literatur zusammengeführt wurde. Bild Mitte: Auch das sind indische Frauen! So werden sie als Angehörige des Hilfskorps der Armee ausgebildet. Sie brauchen nicht das Gewehr zu tragen, wie es in den kommunistischen Nachbarländern und in Pakistan üblich ist. Ob aber zum Helfen in Verpflegungsdepots, Lazaretten und Dienststellen unbedingt der Gleichschritt und sonstiger militärischer Drill erforderlich sind? Wie die indischen Mädchen auf den Hochschulen, in den Laboratorien oder in den bäuerlichen Berufen in einem der über siebenhunderttausend Dörfer Indiens erfüllen sie, selbst in den Stunden, da sie Bekanntschaft mit „männlichem Schliff machen, ihre Pflicht mit einer bewunderungswürdigen Geduld und Zähigkeit. Bild rechts: Eines der schlimmsten Probleme des freien Indien war die Flüchtlingsfrage. Millionen strömten nach Pakistan – Millionen kamen nach Indien. Es war lange Zeit eine unkontrollierbare Völkerwanderung hin und her. Die Route der Flüchtlingszüge ist heute noch gekennzeichnet durch Hunderte von Waisenheimen, in denen die Kleinen heranwachsen. Niemand weiß hier, wer sie sind, ob ihre Eltern Großkaufleute irgendwo im Sind oder Bauern im westlichen Pandschab waren. Die UN-Unterorganisation UNICEF, der Internationale Kinderhilfsfonds, legte in Indien seine Bewährungsprobe ab. Ohne die große Hilfe der übrigen Welt – unter dem Namen der UNO waren es meistens die Mittel der Vereinigten Staaten, die zur Verfügung gestellt wurden – hätte Indien niemals das Flüchtlingselend so schnell lindern können. Die Waisenhäuser Nord-Indiens erzählen von dieser Hilfe. Darüber hinaus aber sind sie Zeugen einer Zeit, da nach dreißigjährigem diszipliniert geführtem Freiheitskampf in letzter Minute in einem blutigen Bruderkampf zwischen Moslems und Hindus die Nerven zu reißen schienen. Aufn. Walter Leiter