Der Schweizer Dürrenmatt hatte mit seinen beiden ersten Hörspielen nicht sonderlich reüssiert. Es war zuviel Fabulier-Akrobatik darin und zuwenig menschliche Substanz. Nun hat er mit seinem dritten Hörspiel die Hörerschaften dreier deutscher Sender (des Bayerischen, des Süddeutschen und des Nordwestdeutschen Rundfunks) in erhebliche Erregung versetzt. Wie die Funkbearbeitung von Orwells „1984“, die Ende 1954 einen großen Wirbel in England machte, ist Dürrenmatts „Unternehmen Wega“ gleichfalls eine utopische Karikatur, diesmal aus dem Jahr 2255, und noch dazu eine, die – wie Orson Welles’ so berühmt gewordenes Mars-Hörspiel – eine interplanetarische Handlung hat. Schauplatz ist die immer umwölkte, immer von Gewittern, Stürmen und Beben heimgesuchte und dennoch von Menschen bewohnte Venus – nur daß diese Bewohner keine „Venusmenschen“ aus der Phantasie von Jules Verne sind, sondern mit Weltraumschiffen von der Erde aus strafweise dorthin Deportierte. Leute, die auf der Erde kriminell waren, leben dort einträchtig und friedlich, nur von den Elementen befeindet, mit solchen, die sich politisch unliebsam gemacht hatten. Und hier nun setzt die Satire des Schweizers ein: Im Laufe von dreihundert Jahren kalten Krieges, so wird dem Hörer mitgeteilt, haben sich beide feindlichen Blöcke, der westliche und der östliche, daran gewöhnt, politisch Anrüchige nach der Venus abzuschieben – die einen (Europa-Amerika) ihre Kommunisten und fellow travellers, die anderen (Asien-Afrika) ihre Widerstandskämpfer. Noch weiter spitzt Dürrenmatt die Satire zu: Während auf der Venus vor dem Toben der Naturgewalten alle Deportierten ihren Haß begraben und sich mitmenschlich liebend zueinander verhalten, edel, hilfreich und gut – währenddessen haben sich auf der Erde die Gegensätze so verschärft, daß auch die „freie Welt“ mit den gleichen totalitären Methoden arbeitet wie die kommunistisch beherrschte. Im Stichjahr 2255 rechnet die Regierung des Westblocks mit baldigem Ausbruch des „heißen Krieges“ und hält es aus strategischen Gründen für nötig, die Bewohner der Venus als Bundesgenossen zu werben. Sie sollen eine sowjetische Landung verhindern und dürfen dafür nach dem Endsieg der westlichen Mächte auf die Erde zurückkehren. Mit dem Weltraumschiff „Wega“ wird eine Abordnung von Ministern zu Verhandlungen entsandt. Das Zusammentreffen dieser hochperfektionierten Funktionäre, deren Sprache völlig Schablone geworden ist, mit einigen der stündlich vom Tod bedrohten, aber menschlich gebliebenen Venusbewohner macht die eigentliche Handlung des Hörspiels aus. Die Gespräche werden (ein heute beliebter funkdramaturgischer und satirischer Trick Dürrenmatts) als Bandaufnahmen mitgeteilt, die ein Agent der westmächtlichen Geheimpolizei gemacht hat, um den Delegationsführer, einen englischen Diplomaten, gegebenenfalls der schwankenden Haltung zu überführen. Und dieser Fall tritt ein. Sir Horace Wood (in der Münchener Inszenierung von Kurt Horwitz ein wenig zu sehr als glatter Heuchler charakterisiert, in der Hamburger von Bum Krüger deutlicher als „Mensch in seinem Widerspruch“ kenntlich gemacht) wird von der neuen Menschlichkeit der Leute auf der Venus, die ihre ständig bedrohte, aber friedfertige Existenz der Rückkehr auf die so viel leichter bewohnbare, aber zum Grab des Friedens gewordene Erde vorziehen, immerhin so stark beeindruckt, daß er nach dem unausbleiblichen Scheitern der Verhandlungen sich nicht sofort zum präventiven Abwurf der zu diesem Zweck mitgeführten Wasserstoffbomben entschließen kann. – Es ist eine krasse und bittere Satire. Aber sie gibt auch dem für Gedankenspiele sonst weniger empfindlichen Hörer zu denken, weil sie anzudeuten versucht, wohin die weltpolitischen Aktionen von heute treiben könnten, wenn je vergessen würde, daß der Sinn der Weltgeschichte nicht die Herrschaft, sondern der Mensch ist.

Donnerstag, 27. Januar, 20 Uhr vom NWDR und SFB, aus Bremen, Frankfurt und München:

Mozarts Werke tragen keine Opuszahlen, sondern werden nach dem „Köchel-Verzeichnis“, nämlich nach der 1905 Abgeschlossenen und längst vergriffenen Gesamtausgabe numeriert, die Ludwig Ritter v. Köchel 1875 ins Leben rief. Nun wird, an Mozarts 199. Geburtstag, die Veröffentlichung der ersten Teile der „Neuen Mozart-Ausgabe“, die der Präsident der Deutschen Mozart-Gesellschaft, Dr. Ernst Fritz Schmidt, leitet, durch einen Festakt im Kölner Funkhaus dokumentiert.

17.00 am Stuttgart: Heinrich Sutermeisters „Gesänge nach Texten des Andreas Gryphius“. – 19.30 vom österr. Rundfunk und NWDR: Die Feierstunde im Salzburger Mozarthaus. – 22.10 vom NWDR: Zu Eduard Künneckes 70. Geburtstag seine drei Orchesterstücke „Flegeljahre“ nach dem Anfang von Jean Pauls Roman. – 23.00 vom SWF: Ludwig Marcuse formuliert den kategorischen Imperativ heute: „Überlebe!“ – 23.00 vom NWDR: Strawinskijs jüngstes Werk „In Memoriam Dylan Thomas“ und andere Aufnahmen der Donaueschinger Musiktage 1954. – 23.15 vom SWF: Die Uraufführung der neuen Cello-Sonate von Harald Genzmer.

Freitag, 28. Januar, 20.35 Uhr vom NWDR:

Hermann Stahls neues Hörspiel „Der Freund des Mr. Lowden“ schildert ein Duell zweier Trotzköpfe, des weltberühmten Clowns Mr. Lowden und seines Jugendfreundes, eines heruntergekommenen Schneiders. Alfred Balthoff und Joseph Offenbach sprechen die beiden Titelfiguren.

19.15 vom NWDR: „Das kurze Glück Paul Abrahams“, ein neues Kapitel des „Funkromans der heiteren Muse“ von Josef Müller-Marein – 21.00 vom SWF: Geza Anda spielt Schumanns „Kreisleriana“. – 21.45 aus Bremen: Ein Streifzug durch die Biographie der Fabeltiere von Siegfried Lenz: „Ungeheuer, die sich vor der Wissenschaft fürchten.“ – 23.30 aus München: Paul Juons Sonate für Flöte und Klavier.