Der Streik war ein Erfolg für die Gewerkschaften, erklärte der Vorsitzende der Industriegewerkschaft Bergbau, Heinrich Imig. Wieso eigentlich? Der offiziell angegebene Anlaß des Streiks war eine Äußerung des Generaldirektors der Gutehoffnungshütte, Dr. Reusch, das Gesetz über die Mitbestimmung von 1951 sei durch eine „brutale Erpressung“ der Gewerkschaften und unter Drohung mit einem Generalstreik zustande gekommen. Auf Grund dieser Äußerung eines Privatmannes, allerdings eines sehr bedeutenden Wirtschaftsführers, haben 800 000 Arbeiter und Angestellte 24 Stunden lang gestreikt.

Das Gesetz über die Mitbestimmung ist seit 1951 in Kraft, hat sich bewährt, und kein Mensch denkt daran, es abzuschaffen. Warum also der Streik und die Erklärung von Heinrich Imig, er sei ein großer Erfolg für die Gewerkschaften gewesen?

Man weiß, daß Dr. Reusch es liebt, sehr direkt zu reden – im Gewerkschaftsjargon nennt man einen solchen Mann einen Scharfmacher, sobald er nicht den eigenen Reihen angehört. Um so mehr muß man fragen: Ist die Tatsache, daß dieser Privatmann seine Meinung ganz in Übereinstimmung mit den Freiheiten des Grundgesetzes sehr direkt – und wie wir hinzufügen möchten, im gegebenen Augenblick sehr undiplomatisch – ausgedrückt hat, Grund für einen Streik, der die Allgemeinheit der Bundesrepublik schädigt?

Worin besteht eigentlich der große Erfolg der Gewerkschaften? Sind Dr. Reusch und seine Anhänger im Bundesverband der Deutschen Industrie ihrer Ämter enthoben worden? Hat man alle Exemplare von nicht-sozialistischen Zeitungen des In- und Auslandes vom Jahre 1951 vernichtet, in denen stand, daß das Mitbestimmungsgesetz unter Streikdrohung zustande gekommen und der Bundestag unter einen ungesetzlichen Druck gesetzt worden ist?

Keineswegs! Wo also liegt der Erfolg, der die Gewerkschaften triumphieren ließ? In einer einzigen Tatsache: daß nämlich 800 000 Arbeiter und Angestellte widerspruchslos einer völlig unpopulären Streikparole der Gewerkschaften gefolgt sind. Die Arbeiter und Angestellten der Gutehoffnungshütte, die eigentlich am meisten hätten betroffen sein müssen, hatten, so hört man aus Düsseldorf, vor dem Streik vereinbart, daß sie die versäumten Stunden als Überstunden hochholen würden, was ihnen erhöhten Lohn und geringeren Steuerabzug einträgt. Doch warum streikten die anderen?

SPD und DGB haben rechtzeitig die Katze aus dem Sack gelassen. Die Arbeiter und Angestellten sollten streiken, weil dem Bundestag ein Gesetz vorliegt, das die Mitbestimmung auf die Holding-Gesellschaften erweitern soll, dessen Entwurf sowohl der SPD wie dem DGB nicht weit genug geht. Holding-Gesellschaften! Weiß eigentlich der streikende Arbeiter, was eine Holding-Gesellschaft ist? Eine Untersuchung des Allensbacher Instituts für Demokratie hat zutage gebracht, daß nur rund 2 v. H. der befragten Arbeiter sich unter dem Begriff einer Holding-Gesellschaft etwas vorstellen können. Dennoch haben bei vielen Betrieben fast hundert Prozent der Arbeiter und Angestellten der Montan- und der eisenschaffenden Industrie gestreikt, um für sehr komplizierte Fragen – ob nämlich das Mitbestimmungsgesetz oder das Betriebsverfassungsgesetz in den Holding-Gesellschaften gelten solle – zu demonstrieren. Und das ist nun also der Erfolg und der Triumph der Gewerkschaften.

Man war sich vorher in der Gewerkschaftsleitung durchaus nicht klar, ob es wirklich genüge, auf den Knopf zu drücken, um Arbeiter und Angestellte zu mobilisieren. Man fürchtet seit einigen Jahren den Einfluß des „Betriebsklimas“. Der fortschrittliche Unternehmer sei der gefährlichste Feind des Arbeiters, hat kürzlich Agartz der Leiter des wirtschaftswissenschaftlichen Instituts der Gewerkschaften, erklärt. In dem normalen Betrieb eines solchen Unternehmens nämlich stehen Arbeiter und Angestellte in einem direkten Verhältnis zum Betriebsleiter. Sie besprechen mit ihm die täglich auftretenden Fragen, eine Reihe von Problemen werden vom Betriebsrat mit dem Unternehmer oder dem Vorstand erörtert. Die Gewerkschaften fühlen sich dabei ausgeschlossen. Dies ist besonders dort der Fall, wo ein Unternehmen eine Stammbelegschaft hat, die kaum wechselt. Hier bildet sich eine Art von Arbeiteraristokratie, die den Gewerkschaften viel Kopfzerbrechen macht, weil sie für den Klassenkampf überhaupt nicht mehr zu brauchen ist. Statt sich nun aber um jene Arbeiter zu kümmern, die ihre Stellungen häufig wechseln, im Baugewerbe etwa, und sie schärfer zu organisieren und zu fördern, haben die Gewerkschaften den Weg gewählt, die seßhaften, die Stammarbeiter, nach Möglichkeit in ihrer Betriebsverbundenheit zu erschüttern. Die Betriebsräte, so sagte Agartz, der Theoretiker der Gewerkschaften, auf dem DGB-Kongreß in München, müssen sich darüber klar sein, daß sie ihre Existenz den Gewerkschaften verdanken, und alle ihre Mitglieder haben sich den Aufträgen der Gewerkschaften zu fügen, das heißt also, und so formuliert es Agartz auch: „Es ist falsch, die Mitbestimmung als eine Partnerschaft von Kapital und Arbeit aufzufassen.“