Die Rapallo-Sorgen des Auslandes und die Wiedervereinigungshoffnungen des Inlandes versetzen die Bundesregierung in ein Dilemma, das auf den ersten Blick ausweglos erscheint; denn wenn sie die sowjetische Einladung zu ernst und zu wichtig nimmt, werden die Bundesgenossen mißtrauisch, und wenn sie ihr zu wenig Bedeutung beimißt, riskiert sie den Vorwurf mangelnden Interesses für die Wiedervereinigung. Es fehlt denn auch nicht an Kritik sowohl der einen wie der anderen Art. Englische Zeitungen äußerten ihre „Enttäuschung“ über das ihrer Ansicht nach allzu positive deutsche Echo auf die Sowjetnote, und die Gegner Adenauers in Deutschland, wie zum Beispiel Herr Ollenhauer, finden dieses Echo allzu negativ.

Natürlich hätte ein direkter Draht nach Moskau für Deutschland manches Positive. Er würde die Beschaffung von Informationen aus erster Hand ermöglichen und die Vorbereitung der Wiedervereinigung erleichtern. Es wäre aber verhängnisvoll, wenn die deutsche Politik übersähe, daß dieser Draht zu einem Fallstrick werden kann. Verliert nämlich der Westen das Vertrauen in die ehrlichen Absichten der deutschen Außenpolitik, so wird er seinerseits eine Verständigung mit Moskau suchen, und zwar auf Kosten Deutschlands.

Deutschlands Zwei-Fronten-Schicksal ist ja nicht nur ein militärisches Problem, es stellt den Politiker vor genau so schwierige Aufgaben, wie den Strategen. Eine Zwei-Fronten-Politik, welche den Ehrgeiz hätte, im Westen und Osten gleichzeitig gut Wetter zu machen, wäre ebenso leichtsinnig und unverantwortlich wie ein Zwei-Fronten-Krieg. Eine Hand nach dem Osten auszustrecken; kann sich Deutschland nur leisten, wenn es dadurch das Vertrauen des Westens nicht gefährdet.

Das bedeutet gewiß nicht, daß die deutsche Politik in allen östlichen Fragen und in Sachen der deutschen Einheit die Hände in den Schcß zu legen hätte. Schon deshalb nicht, weil der Weg zu Deutschlands Einheit sicher nicht an Moskau vorbeiführt. Um ihn aber gehen zu können, ohne über Fallstricke zu stolpern, muß Deutschland sich bei jedem Schritt auf den Arm des westlichen Vertrauens stützen können. Ob es darüber hinaus diesen Ansturm in eine, den deutschen Lebensinteressen entsprechende Richtung zu lenken vermag, ist eine Frage des diplomatischen Geschicks und nicht der politischen Konzeption oder gar der Weltanschauung. G. v. U.