Nun hat auch das deutsche Nationale Olympische Komitee das offizielle Einladungsschreiben zu den XVI. Olympischen Spielen erreicht, die im November und Dezember nächsten Jahres im australischen Melbourne stattfinden. Dr. Karl Ritter von Halt teilte mit, daß eine deutsche Mannschaft zu den großen Weltspielen entsandt werden wird. Er versprach gleichzeitig Deutschlands vollste Unterstützung, nach seinen Kräften zum Erfolg des Festes beizutragen.

Alle Fachverbände haben bereits ihr Programm dem NOK mitgeteilt, ohne ihre speziellen Ambitionen zu verschweigen. Man hat schon phantastische Zahlen gehört, die die Reise nach Melbourne und der Aufenthalt dort kosten werden, man hat mit unvorhersehbaren Zahlen jongliert, die die angeblich so notwendigen (internationalen) Vorbereitungskämpfe kosten werden. Im stillen haben die deutschen Fachverbände wohl auch heute noch immer die Hoffnung, das alles würde ihnen von irgendwem oder irgendeiner Stelle schon bezahlt werden. Hier ist es nun gut, daß von berufener Seite schon diesen übertriebenen Erwartungen ein Dämpfer aufgesetzt worden ist. Man hat unzweideutig zu erkennen gegeben, daß die grundsätzliche und allgemeine Vorbereitung unserer einzelnen Sportler für die olympischen Spiele allein Sache der Fachverbände ist, und daß das Nationale Olympische Komitee sich nur insofern daran interessiert, als eine gewisse Generallinie eingehalten wird. Schon immer packte die deutschen Sportsleute das Reisefieber, wenn die Olympischen Spiele ihre Schatten vorauswarfen. Man behauptete immer wieder, nur internationale Wettkämpfe könnten den Sportlern die notwendige Härte und wer weiß was sonst noch alles verleihen. Damit wird man sich nun ebensosehr bescheiden müssen wie in der Auswahl der Teilnehmer für die Olympiade. Nur die wirklich Allerbesten sollten hinübergesandt werden. Hier wird sich hoffentlich das NOK sehr aktiv einschalten und dafür sorgen, daß wirklich nur die schnellsten Läufer zu dem Wettrennen um die Fahrkarten nach Melbourne zugelassen werden.

Die Finanzierungsfrage wird natürlich viel Kopfzerbrechen bereiten. Leider hat man noch nichts darüber gehört, wie sich die Bundesregierung verhalten will. Es müßte aber für die Olympischen Spiele auf alle Fälle in irgendeinem Etat etwas abfallen. Belgien zum Beispiel hat zur Vorbereitung für Melbourne eine Million Francs (840 000 DM) zur Verfügung gestellt. Bei uns müßten selbstverständlich alle anderen Quellen, wie Fußballtoto, Sportgroschen und andere mehr benutzt werden.

Aber man sollte doch auch hoffen, daß sich einige Privatleute wieder, wie in früheren Jahren der Verlag Ullstein finanzierte zum Beispiel 1928 fast ausschließlich die Vorbereitungskämpfe), als Mäzene betätigen werden. Unlängst hörten wir, daß die im Rhein-Ruhr-Gebiet beheimatete offizielle Nachwuchsschule für den Tennissport bisher 850 000 DM aus privaten Stiftungen verschlungen haben soll. Daß den Angehörigen dieser Schule auch Smokings nach Maß zur Verfügung gestellt wurden, hat nichts daran geändert, daß diese Schule bisher nur erfolglos blieb. Diese große Summe wäre wirklich besser in die Bilanz für die kommenden Olympischen Spiele eingesetzt worden.

Die Amerikaner zum Beispiel rechnen damit, daß die für ihre Expedition benötigten Mittel aus privater Hand aufgebracht werden. Man will keine Staatssubventionen haben, weil man frei bleiben und auch den Sport von der Politik freihalten will, die sich zwangsläufig einschalten würde, wenn der Staat sich allzu stark mit seinen Finanzen engagieren sollte.

Warum man durchaus für die Melbourner Spiele eine neue Olympische Hymne komponieren lassen mußte, ist uns nicht recht klar. Für die Spiele von 1936 hatte Richard Strauß eine Hymne komponiert, und alle Welt war begeistert. Warum hat man sie nicht beibehalten? Und warum müssen nun unter dem Vorsitz des Prinzen Peter von Monako bekannte internationale Musiker noch einmal 360 Kompositionen prüfen, die inzwischen schon aus 39 Ländern bei dem Internationalen Olympischen Komitee eingetroffen sind? Wichtiger wäre es, daß man die Künstler – Graphiker, Maler, Bildhauer – wieder stärker für die olympische Idee interessierte durch Wettbewerbe für sportliche Themen.

Obwohl noch achtzehn Monate ins Land ziehen müssen, bis die Fanfaren die ersten Kämpfer in die olympische Arena rufen, sind die ersten Teilnehmer schon angetreten. Aus Melbourne traf die Nachricht ein, daß die sechs Pferde der australischen Reitermannschaft in der vergangenen Woche mit dem Frachter „Port Alma“ nach Europa abgegangen sind. Sie sollen in England akklimatisiert und trainiert. werden, um dann von dort nach Stockholm entsandt zu werden, wo ja die olympischen Reiterwettbewerbe stattfinden, da die australische Regierung sich nicht entschließen konnte, die Quarantänebestimmungen des Landes aufzuheben. W. F. Kleffel