Historische Persönlichkeiten fallen meistens dem Schicksal anheim, von der Nachwelt auf ein Podest gestellt und mit einer Glasglocke luftdicht abgeschlossen zu werden. Haben sie Glück, so gedeihen sie dabei wenigstens zu einem Begriff; oft aber verkümmern sie zu einem Zerrbild ihrer selbst. Die Glocke zu heben, die historische Persönlichkeit behutsam von ihrem Podest herunter zu geleiten und sie als lebendige Gestalt der modernen Anschauungswelt wieder zuzuführen, ist die Aufgabe, ist aber auch die Kunst des Biographen. In diesem Sinne birgt jede echte Biographie ein gutes Teil nüchterner Reportage in sich.

Die Marquise de Pompadour hat sich gefallen lassen müssen, kurzerhand als „Mätresse“ Ludwigs XV. abgestempelt zu werden. Wenn diese anrüchige Bezeichnung künftig einer freundlichen Auffassung Platz machen, wenn sich die Kokotte in eine – wie Voltaire sich ausdrückte – „warmherzige, menschlich zuverlässige“, dabei hochkultivierte Persönlichkeit verwandeln wird, so darf diese moralische Lebensrettung mit als ein Vereinst von Nancy Mitfords überzeugender Biographie angesehen werden, die jetzt in deutscher Übersetzung erschienen ist.

Nancy Mitford, Madame de Pompadour. Eine Biographie. Marion von Schröder Verlag, Hamburg, 13,80 DM.

Zwei Ereignisse waren für das Leben der kleinen Jeanne-Antoinette Poisson von entscheidender Bedeutung: als ihre Augen zu sehen begannen, zog die Familie aus der ärmlichen Atmosphäre der rue de Cléry in das heute noch ansehnliche, damals hochherrschaftliche Haus in der rue de Richelieu um; als sie neun Jahre alt war, weissagte ihr eine Kartenlegerin, daß sie berufen sei, dereinst die Freundin des Königs zu werden.

Beide Eltern der kleinen Jeanne-Antoinette huldigten einer, sogar nach den Begriffen des Steele sans vertu höchst bedenklichen Lebensauffassung: Wer ihr wirklicher Vater war, hat sich nie einwandfrei feststellen lassen; der Mann, dem diese Rolle wenigstens offiziell zufiel, mußte wegen großer Lebensmittelschiebungen bald das Weite suchen. Als Hausfreund fungierte ein schwerreicher Edelmann, und es ist bemerkenswert, daß die dergestalt „erweiterte“ Familie auch nach des Vaters Rückkehr ein friedliches und opulentes Leben führte. So erhielt das junge Mädchen jede nur denkbare Bildung und Ausbildung mit auf den Weg, und im geziemenden Alter wurde ihr prompt ein junger Landedelmann zum Gemahl bestellt. Unstreitig ist diesem vorurteilslosen Milieu, darin Jeanne-Antoinette aufwuchs, die unbeschwerte Überlegenheit zuzuschreiben, mit der sie später als Marquise de Pompadour die eigenen Herzensprobleme zu meistern und sich ihren Einfluß auf den König auch dann zu bewahren verstand, als dieser sein sexuelles Interesse an der Freundin längst verloren hatte – ein nobles Zeugnis sowohl für den Charakter wie für die Bedeutung einer jeden Frau. Die charmante, mit Verstand und Takt begabte Marquise hat es dann auch stets als ihre Aufgabe angesehen, ihren Einfluß auf den König eher im Interesse einer stetigen Regierungsführung und fruchtbaren Förderung der Künste, der Wissenschaften und der Pariser Baukultur einzusetzen, als sich in höfischen Intrigen zu verzehren. Nur mit bösartigen Widersachern beiderlei Geschlechts pflegte sie rechtzeitig kurzen Prozeß zu machen, und daß es hierbei oftmals nicht ohne herzerquickende Brutalitäten abging, nahm sie sich selber gelegentlich übel.

Als die Marquise dann im blühenden Alter von dreiundvierzig Jahren unter Bekundung einer bemerkenswerten Gelassenheit starb, hatte sie sich zwar die Freundschaft geistig und charakterlich hochstehender Persönlichkeiten wie Montesquieu, Boucher, Quesnay oder Voltaire erworben; hatte sie sich wohl mit reichen Sammlungen und einer geschmackvollen Wohnkultur umgeben; hatte sie den fähigen Bruder in einer guten Stellung sicher untergebracht; pekuniär gesehen war sie jedoch eine arme Frau: fast ihr ganzes Vermögen hatte sie. für öffentliche Zwecke und für ihre Freunde hingegeben.

Bei einer Autorin, die bisher nur durch „leichtgeschürzte“ Romane bekanntgeworden ist, möchte man geneigt sein, einem historischen Versuch mit Argwohn zu begegnen. Nancy Mitford hat sich jedoch mit überraschender Gewissenhaftigkeit in ihre Materie hineingelebt, sie hat nicht nur das in Frage kommende historische Schrifttum, sondern vor allem jenes, meist nur mühsam zu erreichende, aber für die biographische Erkenntnis lauterste Quellenmaterial durchgearbeitet: die Brief- und Memoirenliteratur der Zeit. Hierbei verrät das Auswahlprinzip der Autorin ebenso viel kritisches Unterscheidungsvermögen und Instinkt für das Wesentliche, wie diese andererseits auch die eigenen Akzente richtig zu verteilen weiß. Die Mängel, die dem Laien auffallen, sind gering: um einige zu nennen, so bedauert man vielleicht die etwas zu summarische Behandlung der politischen Urteilsbildung der Marquise, ohne deren Kenntnis ihr anhaltender persönlicher Einfluß immer wieder rätselhaft erscheinen muß. Auch sieht die Autorin sicherlich das Verhalten des Königs seiner allzeit ergebenen „Pompom“ gegenüber ein wenig zu rosig an: nicht ohne guten Grund wird sich diese zu verschiedenen Malen in einem Konvent in der rue Saint-Honore Quartier bestellt haben, in der Absicht, den Rest ihres Daseins dort zu verbringen. Auch wir Deutschen haben manchen Seitenhieb einzustecken, den wir, wenn uns daran gelegen wäre, an die Franzosen weitergeben könnten.

Von soldien kleinen Unzulänglichkeiten abgesehen hat die Historikerin Nancy Mitford ihre Aufgabe aber in kompetenter Weise gelöst, und die Schriftstellerin Mitford kommt auf dieser klaren Grundlage nun um so wirksamer zur Geltung: Glanz und Schauplatz des galanten Zeitalters werden mit unnachahmlicher Kunst in all ihrem faszinierenden Farbenreichtum von ihr eingefangen; sie besitzt den sicheren gôut du détail und darf dem Leser ihr Material daher in der sprühenden und witzigen Art vorlegen, die ihre Romane auszeichnet, ohne daß der Verdacht in ihm aufsteige, die Phantasie ginge in romanhafter Weise mit ihr durch. Insofern liest sich dieses Buch beruhigender als die Biographien selbst von Emil Ludwig oder Stefan Zweig. Martin Winfried