Die Tatsache, daß eine Reihe von Sängern, die bisher ausschließlich in Westberlin, in der Bundesrepublik und in Wien tätig waren, dem Rufe Erich Kleibers folgend, sich auch der ostsektoralen Berliner „Staatsoper“ zur Verfügung: gestellt haben (überwiegend übrigens anscheinend nur für Gastspiele, nicht als vertraglich gebundene Mitglieder), hat in den westlich orientierten Zeitungen einen gewaltigen Entrüstungssturm ausgelöst. Die Gerechtigkeit gebietet indessen, einmal genauer zu untersuchen, auf welche Argumente sich diese Empörung eigentlich stützen kann.

Zunächst ist es schwer, nicht stutzig zu werden, wenn man In den gleichen Tagen, in denen die Posaunenstöße sittlicher Entrüstung über jene Verworfenen, die allein dem schnöden Mammon zuliebe alle idealen Forderungen vergessen, durch den Blätterwald schallen, auf anderen Seiten die missionarische Bedeutung des Interzonenhandels gepriesen sieht, dessen erfreulicher Hochstand die „Wunden politischer Verwirrung zu heilen“ berufen sei ... Wie denn also? –: die Opernsänger verschmähen die Berührung mit dem Osten nicht, weil der schmutzige materielle Gewinn sie lockt, der Handel, dagegen schlägt geistige Brücken – etwa weil bei ihm materielle Berechnungen--keine Rolle spielen?

Man könnte freilich sagen (was allerdings die Ausschaltung solcher Idealisierung des Handels voraussetzt): das erklärte Geschäft, das Feld des utilitaristischen und profitlichen. Denkens ist die Ebene des geringsten Gegensatzes zwischen Ost und West. Es steht nicht zu erwarten, daß auf dieser Ebene unerwünschte Ideologien in westliche Köpfe verpflanzt werden könnten. Im Gebiete der Kunst jedoch ist das anders, und darum kommt dem künstlerischen Austausch die missionarische Gloriole nicht zu, die der Handel für sich beansprucht. Denn man sieht es ja, wie das propagandistisch ausgebeutet wird, wenn westliche Künstler in den Osten kommen, wie da die politische Kluft nur noch weiter aufgerissen, statt überbrückt wird! (Glaubt man denn, daß das brennende Interesse des Westens am Osthandel dort keine propagandistische Bewertung findet?) Vor allem aber: daß für den Handel das Gewinnmotiv sakrosankt ist, das weiß man ja; aber ebenso will man wissen, es sei die Aufgabe des Künstlers, den Gewinn, zu verachten und Sich in jedem Augenblick seiner idealistischen Verpflichtungen bewußt zu bleiben.

Nun ist es ja in der Tat so, daß viele Einwohner Ostberlins und der sowjetischen Zone es nicht einmal dankbar begrüßen, wenn Boten des westlichen Kunstlebens zu ihnen kommen. Sie sind fest davon überzeugt, daß dies nur wieder ein propagandistisches Plus für ihre Gewalthaber zeitigen könne. Aber diese konsequent politisch Denkenden gehen auch so weit, daß sie den Handelskontakt genau so energisch ablehnen. Es sind Menschen, die wirklich zu jedem Opfer bereit sind um der letzten Entscheidung willen. Die vielleicht sogar eine Blockade, unter der sie selbst am meisten zu leiden hätten, lieber sähen, als Kompromisse, die das sowjetische Regime moralisch oder wirtschaftlich stützen.

Natürlich gibt es auch andere Ostzonenbewohner, angesichts deren jene diskriminierten Künstler sich sehr wohl auf durchaus idealistische Motive ihres Verhaltens berufen könnten. Wie ja auch seinerzeit Furtwängler den entrüsteten Emigranten gegenüber sein Verbleiben im nazistischen Deutschland damit begründete, daß er für diejenigen bleibe, die sich an seiner Kunst erbauen und aufrichten möchten. Das ist ein Argument, das sich hören lassen kann – und darf man ihm ohne weiteres den Glauben versagen, den man so bereitwillig der „wundenheilenden“ Mission des Handels zubilligt?

Zugegeben, die Frage des sogenannten „Kulturaustausches“ wäre gefahrlos und befriedigend nur zu lösen durch klare Anmeldung ganz bestimmter Vorbehalte bei grundsätzlicher Anerkennung der Notwendigkeit, die geistige Verbindung zwischen den Deutschen beider Sphären nicht abreißen zu lassen. Eine Regelung solcher Art würde jedoch ein eindeutiges und einheitliches Konzept mindestens auf der einen Seite voraussetzen. Solange dieses nicht vorhanden ist, sondern vielmehr die verschiedenen Möglichkeiten des Kontaktes mit zweierlei Maß gemessen werden (wofür es überhaupt keine moralische Rechtfertigung geben kann), solange sollte man doch wenigstens auf so heuchlerische Vorwürfe wie den der „egoistischen. Gewinnsucht“ verzichten. Gerade dieser verlogene Appell an den „Idealismus“ des Künstlers gehört zu den Schlechtesten Gewohnheiten der bürgerlichen Welt. In der Steigerung führt er zu der bekannten, sentimentalniederträchtigen These, daß Leid, Entbehrung und Not dem Genie nur bekömmlich seien und leistung fördernd wirkten. Eine durch nichts gerechtfertigte Theorie, aus der sich dann wieder eine gewisse Sorte von kitschigen „Künstlerromanen“ züchten läßt, die der „Mann der nüchternen Wirklichkeit“ in Stunden besonderer Erbauung mit wohltuendem Schauder behaglich zu verschlingen liebt.

Mag der ostwärtige Ausflug der Opernsänger seine bedenklichen Seiten haben – gerecht zu kommentieren wäre er allein auf Grund einer echten, allgemeinverbindlichen Regelung aller in diese Problematik hineinspielenden Fragen. Eine solche Regelung gibt es bislang nicht. Daher eben die ebenso törichten wie ungerechten Argumente. A-th