n. t., Bremen

Am 2. November hat laut Terminkalender der Bremischen Schulverwaltung planmäßig die Schülerauslese 1954 in Bremen begonnen; am 28. Januar wird sie im wesentlichen nach dem gleichen, einem Fahrplan ähnelnden Terminzettel abgeschlossen sein. Es geht um die Kinder, die zu Ostern ihre sechsjährige Grundschulzeit – Bremen ist gegenwärtig das einzige Land der Bundesrepublik, in dem es noch eine sechsjährige Grundschule gibt – beenden und auf einen der weiterführenden Zweige der Allgemeinen Volksschule versetzt werden müssen. Zur Auswahl stehen Zweig A (vorerst noch zwei, laut Schulgesetz von 1949 drei Jahre allgemeinbildender Vollunterricht mit anschließendem dreijährigen Besuch der Berufsschule), Zweig B (vier Jahre Vollunterricht und zwei Jahre Berufsschule) und Zweig D (sechs Jahre Vollunterricht, die eigentliche Oberschule). In einem gründlichen Ausleseverfähren wird ermittelt, welcher Schüler für welchen Schulzweig in Frage kommt. Es entscheiden die sogenannten Klassenausschüsse, im Falle einer Beschwerde der Eltern die Bezirksausschüsse und schließlich bei einer Beschwerde in zweiter Instanz der Hauptausleseausschuß. Aus diesem relativ klaren Aufbau ist allerdings in diesem Jahr für die betroffenen Lehrer ein Kampf mit einer Papierflut geworden. Die Schulverwaltung hat sich entschlossen, den Lehrern die Arbeit zu „erleichtern“ und für jede nur irgend in Betracht kommende Möglichkeit ein gedrucktes Papier vorbereitet – insgesamt vierzig verschiedene, zusätzlich einem einundvierzigsten, auf dem „jeweils nur der Bedarf für das laufende Jahr mindestens drei Tage vor dem Abholen“ angefordert werden muß. Und so blättern die bremischen Lehrer in der reichen Skala von Formblättern und brüten über den Möglichkeiten. Da gibt es zum Beispiel zur Mitteilung des Ergebnisses der Klassenauslese an die Eltern folgende Blätter: 1. Eltern wünschten Zweig A, Schule entscheidet ebenso; 2. Elternwunsch Zweig B, Schule dito; 3. Elternwunsch Zweig D, Schulurteil gleichermaßen, 4. Elternwunsch Zweig D, Schule empfiehlt Zweig B; 5. Eltern wünschten Zweig D oder B, Schule empfiehlt Zweig A; 6. Elternwunsch Zweig A, Schule rät zu Zweig B; und 7. Elternwunsch Zweig A oder B, Schule schlägt Zweig D vor. Eine ähnliche Mannigfaltigkeit weist die Reihe der Formulare auf, mit denen die Eltern über die Entscheidung der Schulauslese unterrichtet werden, des Ausleseunterrichts – verschiedene Formblätter für Einheimische und Auswärtige –, Meldungen an den Hauptausleseausschuß über die benötigten Auslesearbeiten, Mitteilungen an den Bezirksvorsitzenden über Teilnahme am Ausleseunterricht und so fort. Die Reaktion der Lehrer auf diese Überschwemmung mit Papier, die laut Rundschreiben So 100/54, Az. 200-11-37/2 der Schulverwaltung veranlaßt wurde „um die Verwaltungsarbeit möglichst zu vereinfachen“, war verschieden. Schulleiter Harry Meyer aus Bremen-Arbergen schrieb an die „Bremer Nachrichten voller Anerkennung für die „wohldurchdachten Bemühungen der Behörde“, da die heutige Form des Übergangs von der Grund- zur Oberschule „nun einmal einen solchen Apparat in Bewegung setzt und mehr verwaltungstechnische Arbeiten erfordert als früher, da die Schüler für zwei Tage in die Prüfung geschickt wurden“. Dagegen nennt der Schulleiter und Vorsitzende des Stadtvereins der Bremer Lehrer und Lehrerinnen in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Georg Ficke‚ die Formularflut „etwas übertrieben“. Einige Formulare müßten sein, „aber an die zwanzig hätten es auch getan“. Er meint: „Wir sind doch seit Jahren ohne dies ausgekommen. Warum muß ich heute den Kindern ein Formular mitgeben, um ihren Eltern mitzuteilen, wann der Ausleseunterricht beginnt? Früher sagten wir es den Kindern, und sie waren auch pünktlidi da.“ Die meisten Lehrer aber fühlen sich einfach „zu viel belästigt.“