Neuerdings wird bei uns wieder viel von der Notwendigkeit einer Offenmarktpolitik gesprochen, durch die von der Notenbank aus eine eventuelle Überliquidität bekämpft werden soll. Maßgebende Sprecher der Geschäftsbanken meinten, daß die Verflüssigung des Geldmarktes weiter fortschreiten könne, und zwar womöglich in einem Maße, das ernste Sorgen bereiten werde. Es glaubt allerdings niemand mehr so recht daran, daß die bisherige Quelle der Liquidität – die Außenhandelsüberschüsse – weiter so stark fließen wird wie bisher. In den letzten Monaten waren schließlich die auf einen Ausgleich der Zahlungsbilanz gerichteten Tendenzen deutlich zu erkennen. Dafür betrachtet man mit einer gewissen Skepsis den großen Block der im Zentralbanksystem stillgelegten Kassenreserven der öffentlichen Hand.

Man erwartet, daß dieser Block nach der Steuersenkung bei den anlaufenden Rüstungsausgaben langsam abschmilzt und sich damit als eine neue Quelle der Liquidität erweist. Die Meinungen darüber, ob in diesem Zusammenhang von „Geldschöpfung“ gesprochen werden kann und ob daraus resultierende Befürchtungen begründet wären, gehen jedoch recht weit auseinander. Es gibt berufene Beobachter des öffentlichen Haushaltswesens, die in der Entwicklung; keine besorgniserregende Tendenz sehen. Die Besatzungsmächte haben, so argumentiert man, bisher noch niemals die ihnen zustehenden Haushaltsmittel voll ausgeschöpft. Sie können deshalb ihre Ausgaben merkbar erhöhen, ohne daß sie auf die nicht verbrauchten Ansätze früherer Haushaltsjahre zurückgreifen müssen. Wann beim Bunde die Verteidigungskosten voll anfallen, ist gänzlich unbekannt. Jedenfalls braucht nicht unbedingt damit gerechnet zu werden, daß diese Ausgaben die deutsche Wirtschaft schon in diesem Jahre voll treffen. Es besteht deshalb nach dieser Ansicht eine gewisse Wahrscheinlichkeit dafür, daß sich Verflüssigungstendenzen und Kontraktionsmomente im laufenden Jahr einigermaßen die Waage halten, und daß es deshalb auch zu keiner exorbitanten Entwicklung kommen wird.

Eine verantwortliche Kreditpolitik muß aber schließlich immer die ungünstigste Entwicklung im Auge behalten und sich darüber klar werden, was zu tun ist, wenn die Dinge anders verlaufen – wenn es also zu wirklich bedenklichen Erscheinungen auf dem Geldmarkt kommt. Das dürfte zweifelsohne erst dann der Fall sein, wenn sich bei den Banken echte Überschußreserven bilden. Im vergangenen Jahr war dies nur einmal der Fall, und zwar im August. Damals lagen die Überschußreserven mit etwa 350 Mill. DM um gut 1/4 Mrd. über der Norm. Daß es zu einer solchen Entwicklung kam, hatte verschiedene Gründe, die zu einem guten Teil technischer Natur sind. Immerhin ist es bezeichnend, daß man der Lage nur im August, das heißt im Augenblick der größten Geldmarktverflüssigung, nicht ganz Herr geworden ist. Das gibt einen Hinweis dafür, daß das eigentliche Problem bei den Wellenbewegungen des Geldmarktes, die durch die großen Steuertermine ausgelöst sind, zu suchen ist. Die Gefahr einer Überliquidität besteht nämlich nur in den Monaten zwischen den großen Steuerterminen, also dann, wenn der Wellenberg erreicht ist. Im Wellental, einige Tage nach dem Steuertermin, können auch stärkere technische Momente niemals zu Überreserven führen. Der Geldmarkt ist dann regelmäßig versteift und zwar in einem solchen Umfange, daß die Sätze für Tagesgeld regelmäßig bis zur Bankrate und darüber steigen. Will man eine Überliquidität vermeiden, dann kann man sich darauf beschränken, das Entstehen von hohen Wellenbergen zu verhindern. Dazu braucht aber nicht das gesamte System durch die Herausnahme größerer Geldbeträge abgesenkt zu werden. So wird deutlich, welche Form einer Offenmarktpolitik im Augenblick betrieben werden sollte: ob nämlich durch Ausgabenlenkung und Hereinnahme von Geldmarktpapieren, oder durch Intervention an der Effektenbörse. Es ist offensichtlich, daß bei der augenblicklichen Situation nur ein Operieren mit Geldmarktpapieren in Frage kommen kann. Das Problem, das sich hier, bei der günstigen Kassensituation des Bundes, bietet, liegt in dem Mangel an Geldmarktpapieren. Die Notenbank kann nicht das anbieten, was die Banken verlangen. Es wurde deshalb vor kurzem von der Rhein-Main-Bank vorgeschlagen, Ausgleichsforderungen aus dem Besitze der Notenbank beim Bundesfinanzminister gegen Schatzwechsel umzutauschen und diese auf dem Markt anzubieten. Das ist ein durchaus diskutabler Vorschlag. Mit solchen Papieren könnte, wenn die Fälligkeiten und die Zinssätze richtig gewählt werden, die Notenbank regulierend auf den Geldmarkt einwirken und das Entstehen von hohen Wellenbergen verhindern.

Damit aber wäre das volle Instrumentarium einer Offenmarktpolitik noch nicht gegeben. Unabhängig davon, ob es jetzt richtig wäre, wenn die Notenbank an der Börse aufträte oder nicht, muß sie dennoch die Möglichkeit hierfür erhalten: andere Situationen bedingen andere Mittel. Natürlich könnte die Zentralbank schon heute Anleihen hereinnehmen und damit die Geldausrüstung der Wirtschaft verstärken. Eine solche Maßnahme aber scheidet in einer Zeit, in der man nicht von Geldschöpfung, sondern im Gegenteil von Beseitigung von Liquidität spricht, naturgemäß aus. Sinnvoll wäre allenfalls ein Verkauf von Staatsanleihen. Diese besitzt das Zentralbanksystem aber nur in der Gestalt von (nicht marktfähigen) Ausgleichsforderungen. Sie müssen deshalb im Zuge des Strebens nach normalen Verhältnissen und nach einer vollen Manövrierfähigkeit börsengängig gemacht werden. Voraussetzung hierfür ist, daß sie planmäßig getilgt und so verzinst werden, daß sie in etwa zu pari auf dem Markt verkauft werden könnten. Bei den augenblicklichen hohen Zinssätzen für Rentenwerte und bei der wieder leicht angespannten Haushaltslage läßt sich dieses Ziel aber noch nicht erreichen, weil die Spanne hierfür zu groß ist, also zu hohe Beträge für die „Marktgängigmachung“ erforderlich wären.

Der Verkauf von Staatsanleihen, so wie dies in kleinem Umfange die Bank deutscher Länder bereits vor nicht allzulanger Zeit mit den früher einmal aus Stützungsgründen hereingenommenen Bundesbahnanleihen getan hat, bietet für ihre Kreditpolitik gegenüber einer Operation mit Geldmarktpapieren den großen Vorteil, daß sie den Zeitpunkt, an dem sie die Papiere wieder zurücknehmen und damit neues Geld „schaffen“ will, selbst bestimmt. Das kann unter Umständen von Bedeutung sein. Jedenfalls wird man der Notenbank einmal ein derartiges Instrument an die Hand geben müssen – schon deshalb, weil sonst der gesamte Block von Ausgleichsforderungen, der ihr bei der Währungsreform anvertraut wurde, sinnlos wäre. W. Ringleb