Die Frage, ob Moral auch ohne Religion möglich sei, hat in der englischen Öffentlichkeit eine lebhafte, teilweise erbitterte Diskussion ausgelöst. Aufgeworfen wurde die Frage von einer Dozentin für Psychologie an der Universität von Aberdeen, Mrs. Margaret Knight. Ihre im britischen Rundfunk geäußerte Ansicht, daß die Moralbegriffe menschlichen und nicht göttlichen Ursprungs seien, wird von der englischen Staatskirche stark kritisiert. Der Erzbischof von York, Dr. Cyril Garbett, erklärte: „Mrs. Knights Vorträge enthalten die gleichen Argumente, mit denen Atheisten und Agnostiker seit zwei Jahrhunderten hausieren gehen.“ Eine Zeitung überschrieb einen Kommentar zu diesem Thema: „Die unheilige Mrs. Knight“, und eine andere brachte eine Karikatur, die sie als gehörnten Teufel vor dem Mikrophon darstellt. Es fehlt auch in der Presse und in Leserbriefen nicht an Vorwürfen gegen die Leitung der BBC, weil sie es Mrs. Knight ermöglichte, ihre areligiösen Ansichten über den Äther zu verkünden. Die kirchlichen Kreise Englands sehen darin so etwas wie einen Angriff auf ihre bisher niemals ernstlich angefochtene Monopolstellung in Fragen der Moral und Ethik. Die Tatsache, daß Mrs. Knight überhaupt vor den Mikrophonen des halbstaatlichen BBC sprechen durfte, sowie die vielen positiven Antworten auf ihre „Moral ohne Religion“ betitelten Vorträge zeigen jedoch, daß die Kirche hier vor einem Problem steht, das mit Schlagworten, wie „Atheismus“, „Agnostizismus“, „Rationalismus“ und so weiter allein, nicht bewältigt werden kann.

Der liberale Observer greift in einem Leitartikel in die Diskussion ein und ermahnt beide Parteien zur Toleranz und Bescheidenheit. „Sowohl Rationalisten wie wahre Christen sollten imstande sein, eine gemeinsame Ebene zu finden, wenn Rationalismus den Gebrauch der Vernunft bedeutet und Christentum ein Ernstnehmen des Vorbildes Christi.“ Die Zeitung schreibt, in England gäbe es heute wahrscheinlich mehr Nichtchristen als Christen, und daher könne man „verantwortungsbewußten Vertretern des nichtchristlichen Standpunktes“ nicht verbieten, zu wichtigen Problemen von allgemeinem Interesse, wie zum Beispiel dem der Moral, Stellung zu nehmen. Den englischen Konservativen innerhalb und außerhalb der Kirche wirft der Observer vor, daß sie die äußeren Formen der Religion für wichtiger hielten als „die wesentliche christliche Tugend gütigen und verstehenden Verhaltens auch denen gegenüber, von denen man meine, sie seien im Unrecht“. Intoleranz und Arroganz kleide den Priester ebensowenig wie den Wissenschaftler oder Psychiater. Keiner könne behaupten, die Antworten auf alle Fragen zu kennen. „Weisheit und Allwissenheit passen schlecht zueinander. Wir schätzen Weisheit und Tugend höher als Dogmen, seien sie religiös oder rationalistisch.“

Der Leitartikler des Observer und mit ihm viele liberale Engländer meinen, es könne der Moral nur nützen, wenn man dafür sorge, daß sie auch außerhalb des Glaubens eine Stütze findet. Es sei sogar ernstlich zu bedenken, ob nicht die gemeinsame Bejahung ethischer Maßstäbe diejenige Ebene sei, auf der sich der rationale Moralist und der gläubige Christ am ehesten begegnen könnten. Bisher ist aber von einer-solchen versöhnenden Begegnung wenig zu spüren. Der von Mrs. Knight entfesselte Streit wirbelt weiterhin Staub auf, aber unter diesem Staub konventioneller Tabus und eingewurzelter Vorurteile werden Gedanken sichtbar, deren Aktualität nicht auf England beschränkt ist. -ll