h. z., Oberhof

Die Situation im thüringischen Winterkurort Oberhof abseits der Bahnstrecke Erfurt–Suhl gelegen, entbehrt während der Januar-Saison nicht einer tragischen Komik –: Seit vielen Jahren ist die 1800 Einwohner zählende Ortschaft bevorzugtes Erholungsparadies höchster Partei- und Regierungsmitglieder der Sowjetzonenrepublik, die im idyllischen, schweigenden Thüringer Wald für wenige Tage und Wochen Ruhe zu finden hoffen.

Mitte November, zu Beginn der Saison, werden vom Staatssicherheitsdienst (SSD) die ersten Maßnahmen zum Schutze der kostbaren Bonzen getroffen, die in den Wochen des Januar, wenn die Zahl der Prominenz dreißig Personen übersteigt, ihren Höhepunkt erreichen. Es beginnt damit, daß die Personalien der Angestellten des Gästehauses der Regierung, des „Ernst-Thälmann-Hauses“, vom SSD notiert und nach wochenlanger Prüfung ohne Bemerkungen zurückgereicht werden. Sobald die ersten erholungsbedürftigen Gäste aus den Ministerien und Staatssekretariaten Ostberlins in Oberhof eintreffen, folgt ihnen die erste Hälfte der Kompanie des SSD-Wachbataillons. Die mit Schnellfeuergewehren und Maschinenpistolen ausgerüstete Einheit wird Anfang Januar auf volle Kompaniestärke gebracht und übernimmt die Bedachung der Talsperre – einem beliebten Ausflugziel der Wintergäste –, des Brandleite-Tunnels an der Bahnstrecke und des Ernst-Thälmann-Hauses. Zwanzig Wachbataillon-Angehörige haben die provisorisch errichteteten Holzhütten am Berg Sieglitz-Kopf zu beziehen – in 764 Meter Höhe ziehen sie ihre Wachrunden.

Erstaunlich pompös sind die Appartements im Ernst-Thälmann-Haus für die Funktionäre des „Bauern- und Arbeiterstaates“ eingerichtet. Die Fenster des Erdgeschosses sind während der Nachtstunden mit Stahlscherengittern „gesichert“, auf den Fluren sind auf- und abwandelnde SSD-Beamte dezent postiert. Nachtruhe kehrt zwischen dreiundzwanzig und vierundzwanzig Uhr ein; dann verstummen auch die Lautsprecher in den Appartements, die das Programm des angeschlossenen „Zentral-Radiogerätes“ übertragen.

Küchenpersonal, Hausdiener und Ausflugführer sind seit vier Uhr morgens vollauf damit beschäftigt, die lukullischen Ansprüche und Wanderlust der mitteldeutschen Prominenz zu befriedigen. Der Verbrauch an alkoholischen Getränken ist erstaunlich, und nur Wilhelm Pieck muß sich laut ärztlicher Anordnung Zurückhaltung auferlegen.