Man hat sich daran gewöhnt, daß es die das öffentliche Leben und Geschehen in der Sowjetunion beherrschende Propaganda-Apparatur virtuos versteht, alle Dinge, die im eigenen – sowjetischen – Haushalt vor sich gehen, einzunebeln, zu tarnen oder in veränderter Gestalt zu präsentieren. So war’s in den Jahrzehnten unter Stalin. Dann wurde es nach dessen Tod spürbar anders, als seine Epigonen glaubten und hofften, mit offenem Eingeständnis von Mängeln und Proklamationen von Reformen – wie zum Beispiel hinsichtlich gewisser Begünstigungen der winzigen Privatwirtschaften der Kolchosbauern – ein erträgliches und erweiterungsfähiges Verhältnis zwischen der Diktatur einerseits und dem im Arbeitsprozeß stehenden Volk – und damit auch der Kommandowirtschaft en bloc – andererseits, schaffen zu können. Das scheiterte jedoch nach wenigen Monaten an der Starrheit des Systems und der schlechthin alles überschattenden Partei- und Verwaltungsapparatur; Tarnung und Vernebelung mußten – nun schon quasi zwangsläufig – wieder dirigieren, weil Blößen zutage traten, die in Kürze die so eifrig behauptete Prosperität des Sowjetstaates ad absurdum führen mußten.

Dies war unerläßlich, wenn der Kreml seine führende Position im neuen roten Imperium behaupten wollte, und die Lenker und Meister der Propaganda hatten erst einmal alle Hände voll zu tun, um das allzu offenherzige Eingeständnis des Versagens der Getreideerzeugung allmählich in Vergessenheit zu bringen. Mit unbestreitbarem Erfolg: heute überdröhnen die tagtäglich im Fettdruck in der Sowjetpresse erscheinenden Meldungen von enormen Weizenernten, die man in Sibirien, in Kasakstan, im Altai und im Transwolgagebiet auf erst im vergangenen Jahr urbar gemachtem Boden erreicht haben will, jede Erinnerung an das besagte Eingeständnis.

Seit Beginn des vorigen Herbstes haben Tarnung und Vernebelung eine Stufe erreicht, wie sie kaum jemals beobachtet werden konnte – was allein schon recht begründete Zweifel an der nach wie vor behaupteten planvoll-stetigen Aufwärtsentwicklung aller Wirtschaftsgebiete hervorruft. Der dichteste Nebel ballt sich um die Naphthaindustrie. Alles, was irgendwelche Anhaltspunkte für eine Beurteilung der Ergebnisse der Mineralölförderung oder -verarbeitung geben könnte, ist seit vielen Monaten absolut tabu. Mit einer Ausnahme: hin und wieder gab es Erfolgsmeldungen über erstaunlich häufige Tiefbohrungen im Bakuer Bezirk weit über 4000 m (als die tiefste Bohrung Europas wurde dabei eine von 5200 m im Trust „Asisbekownaphtha“ erwähnt) und über die Intensivierung der Baku vorgelagerten submarinen Exploration und Exploitation. Beides sind äußerst kostspielige Dinge, die man wohl kaum unternehmen würde, wenn es keine Mineralölengpässe gäbe. Und schließlich muß noch vermerkt werden, daß bei Baubeginn und Bauschluß der unzählbaren Wasserkraftwerke größter und geringster Kapazität niemals der Hinweis fehlt: nun habe man wieder einmal eine ansehnliche Menge „flüssigen Treib- und Brennstoffes“ gespart...

Ziemlich undurchsichtig erscheint auch die Lage in der Kohlenförderung: 1953 will man insgesamt 320 Mill. t gefördert haben, und im statistischen Rechenschaftsbericht vom 23. Juli 1954 über das erste Halbjahr wird lakonisch eine Plansollerfüllung von 101 v.H. gemeldet, was aber die offizielle „Prawda“ nicht davon abhalten kann, in ihrem alarmierenden Leitartikel vom 10. Oktober festzustellen, daß sich „hinter dem Schild der durchschnittlichen Plansollerfüllung“ im ersten Halbjahr große Mengen „dem Staat schuldig gebliebener Kohle“ verbergen.

Wie es um die Stahlerzeugung und die Deckung des Holzbedarfes bestellt ist, tritt dagegen mit relativer Klarheit zutage: am 20. August 1954 haben das Zentralkomitee der KP und der Ministerrat gemeinsame Bestimmungen über die sofortige Intensivierung der Produktion von Eisenbetonkonstruktionen und Details für den gesamten Häuserbau in der Stadt und auf dem Lande erlassen. Danach müssen 1955 und 1956 insgesamt 402 neue Eisenbetonwerke errichtet werden. Verbunden damit ist das generelle und für sämtliche Bauten in der UdSSR obligatorische Verbot, Metall- (insbesondere Stahl-) und Holzkonstruktionen zu verbauen, falls eine Möglichkeit besteht, sie durch Eisenbeton zu ersetzen. F. Dassel