Der Schauspieler als Thema, Effekt und Autor – Eine Revue deutscher Premieren

Von Johannes Jacobi

Ein Instrument für Dichtung zu sein, ist unbestritten die vornehmste Aufgabe des Theaters. Aber der Theaterdirektor Goethe spielte weit häufiger Kotzebue als Goethe und Schiller. Auch heute stützen die mehr als hundert Millionen Mark öffentlicher Bühnenzuschüsse, wenn’s gut geht, einmal Dichtung; in der Regel aber erhalten sie das Theater als Betrieb. Dieses hat seine durchaus berechtigte Funktion, wenn es Wirklichkeit darstellt mit dem Bestreben, der Wahrheit mindestens auf die Spur zu kommen; wenn es den Trieb zur Selbstverwaltung im Spiel erfüllt und seine Zuschauer weinen und lachen macht.

Solches vom Schauspieler anstatt vom Dichter getragene Theater verfügt seit kurzem über ein schillerndes Paradestück. Ein Philosoph als Bühnenautor analysiert darin den Komödianten und bietet ihm zugleich die verlockendsten Spielchancen. Es ist „Kean“, Jean-Paul Sartres eigenwillige Neufassung des Dumas-Schauspiels „Unordnung und Genie“. Nachdem die deutsche Erstaufführung mit Paul Hoffmann in Stuttgart stattgefunden hatte, sähen wir als den englischen Mimen Kean jetzt Fritz Rémond in dessen Frankfurter „Kleinem Theater“. Der Eindruck war besonders schlüssig, weil Rèmond auch sonst Theater um des Schau-Spielens willen spielt Und spielen läßt, er selbst aber ein Prachtexemplar des Nur-Komödianten ist. Man fühlte sich bewogen, nachträglich in dem Vom Rowohlt-Verlag als Buch gedrückten Text manche Stellen nachzulesen. Auf: der Bühne hatten sie gewirkt, als ob Rèmond aus eigener Erfahrung extemporiere; sie waren dennoch von Sartre.

Der Theoretiker einer atheistischen Existenzphilosophie hat im Schauspieler schlechthin seinen Satyros gefunden, nach soviel Tragöden der existentialistischen Lehre einen komischen Helden, der das von Sartre behauptete Sich-Selbst-Erschaffen des Menschen negativ demonstriert: Der Schauspieler Kean, der – von einer Liebe berührt nach seinem Ich, nach seiner persönlichen Wesenheit sucht, findet sich mit jeder Regung in einer Rollenpose befangen. Ein Mensch; der vom Ruhm des Scheins gelebt hat, muß den Schein nun auch als selbsterschaffenes Sein erkennen. Dem Mimen, der sein Spiel auf der Bühne mutwillig zerstörte durch den Ausbruch in eine ihm verschlossene Wirklichkeit, ihm bleibt nach dem Zusammenbruch nur das schiefe „Glück“ einer Mesalliance mit der Käsehändlerstochter.

Die Frankfurter Remond-Aufführung war diskret und abgetönt in allen Nebenrollen, erdrückend durch das Komödiantentum des „abendfüllenden“ Hausherrn. – mehr Selbstdarstellung des vom Mimen an sich beherrschten Theaters als dessen Entzauberung durch Sartres ätzende Demonstration des Scheins als Sein. In derselben Stadt konnte man als deutsche Erstaufführung gleichzeitig zwei Einakter des englischen Erfolgsautors Terence Rattigan sehen, die in Helmut Kolleks „Theater am Roßmarkt“ unter dem Titel „Zwei Ehen“ zusammengestellt waren. Das erste Stück, „Das Abschiedsgeschenk“, erwies sich als eine Vorstudie zu Rattigans in Deutschland durch das Bergner-Gastspiel weithin bekanntgewordener „Tiefen blauen See“ („Lockende Tiefe“), mit der dieser späte Nachfahre Ibsens von der Boulevardkomödie zu psychologisierender Tragik überging. Der zweite Einakter, „Harlekinade“, dagegen nimmt das Theater selbst zum Thema und unterhält seine Zuschauer zwerchfellerschütternd, indem bei einer „Romeo und Julia-Probe ein alterndes Schauspielerehepaar und die ganzeKulissenwelt persifliert werden. Ein ähnliches Sujet wie Sartres „Kean“ also, das Überspielen des menschlichen Seins durch den damit schließlich identischen Schein, wird bei Rattigan zu einer noch in der Enthüllung heiteren, ja verliebten Apotheose des Schau-Spielers. Für die Darsteller ergibt sich aus der Zusammenstellung beider Stücke eine reizvolle Aufgabe: das tragisch entzweite Ehepaar des „Abschiedsgeschenk“ kann sich als Partnerpaar in der „Harlekinade“ von der komischen Seite zeigen. Die ziemlich grobkörnige Inszenierung von Klaus Jedzek in Frankfurt ließ außerdem erkennen, wieviel sicherer mittelmäßige Komödianten Theater „machen“ als seelische Wirklichkeit verdichten können.

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