In verschiedenen europäischen Zeitungen stand in den letzten Tagen die Meldung, daß die Wiener Staatsdruckerei und mit ihr die Briefmarkensammler in aller Welt bös hereingefallen seien. In Wien hat man nämlich in Jahre 1950 im Auftrag der New Yorker Firma H. und J. Stolow begonnen, Millionen von Briefmarken für den südasiatischen Staat „Maluku Selatan“ (Süd-Molukken) zu drucken. Diese Marken sind seit Jahren unter den Philatelisten im Umlauf, besonders unter den Kindern, die sich an ihren farbenprächtigen Bildern erfreuen. Und nun hat man plötzlich festgestellt, daß dieser – laut dem New Yorker Auftrag – „nach dem Weltkrieg geschaffene föderative Staat innerhalb der Republik Indonesien“ gar nicht existiert und daß daher das (bereits gemachte) Millionengeschäft mit seinen Briefmarken der schiere Schwindel sei. Unter der Schlagzeile „Achtung vor Briefmarken aus Maluko Selatan!“ berichten die Straßburger „Dernières Nouvelles“, daß die österreichische Bundesregierung Untersuchungen gegen ihre Staatsdruckerei eingeleitet habe. Die Druckerei, deren Ruf in aller Welt groß und tadellos ist, habe sich trotz der strikten Vorschrift der österreichischen Postwertzeichenschutzverordnung, daß „außer einer Postverwaltung niemand berechtigt ist. Postvertzeichen herzustellen oder in den Verkehr zu bringen“, nirgends erkundigt, ob es denn diesen Staat überhaupt gäbe, für den sie Millionen von zauberhaft bunten Marken druckte mit tropischen Fischen, Vögeln, Blumen, Tieren und Schmetterlingen, mit MacArthur, der UNO und der Upu (= Union postale universelle).

Als Holland im Jahre 1949 nach 350jähriger Kolonialherrschaft seine Ansprüche auf Indonesien aufgab, und mit der Zustimmung der Vereinten Nationen die Vereinigten Staaten von Indonesien gegründet wurden, begannen für den Archipel der Südmolukken (Niederländisch-Guinea Archipel der Südmolukken (zwischenNiederländisch-Guinea und Celebes) neue Probleme. Die Bewohner ländischen Kolonialtruppen gestellt hatten, weigerten sich, die indonesische Regierung anzuerkennen. Holland achtete die eben geschlossenen Verträge mit der jungen Republik und „repatriierte“ 15 000 Ambonesen, Soldaten und ihre Angehörigen in das niederländische„ Mutterland“ (Siehe Bericht der ZEIT vom 14. Januar 1954.)

Die übrigen Bewohner der südmolukkischen Inseln (deren größte die Gewürzinseln Ceram, Buru und Ambon sind) wünschten, als selbständige Republik freie Partner unter den Vereinten indonesischen Staaten zu sein. Da ihr Anspruch auf Unabhängigkeit nicht anerkannt wurde, herrscht seit dem Jahre 1950 ein Dschungel- und Guerillakrieg auf diesen Inseln, deren Hauptstadt“ Ceram von der offiziellen indonesischen Hauptstadt Djarkarta fast 1500 englische, Meilen entfernt liegt. „Dieser Krieg wird seit vier Jahren von den Indonesiern mit modernsten Waffen und Truppen geführt, und – verschwiegen“, so behaupten die Vertreter der Südmolukken, die seit 1950 in Holland und den USA darum ringen, als rechtmäßige Exilregierung eines rechtmäßigen Staates anerkannt zu werden.

Veranlaßt durch den Briefmarkenskandal hat der Hamburger Briefmarkenhändler en gros Andreas Martens auf die Fragen seiner besorgten Händlerkundschaft einen Stapel von Material zusammengetragen. In einem Rundschreiben an seine Kollegen heißt es: „Die New Yorker Vertreter der indonesischen Republik hatten am 2. Dezember 1950 an die American Stamp Dealers’ Association (ASDA) folgenden Brief gerichtet: „Im Jahre 1950 kam es zu einer Revolte auf Ambon gegen die indonesische Republik. Die Bevölkerung stand abseits. Die Revolte wurde schnell niedergeschlagen, und seit Ende 1950 gibt es in der indonesischen Republik keinen Handbreit Boden, der sich im Besitz der Revolutionäre befindet. – Zu keiner Zeit und nirgendwo hat es innerhalb Indonesiens eine postalische Verwaltung unter der Bezeichnung „South Molucca“ oder „Republik Maluku Selatan“ gegeben... Die fraglichen Briefmarken waren in keinem Postamt der Südmolucken noch anderswo auf indonesischem Gebiet vorhanden. Allein die Briefmarken Indonesiens waren seit 1950 für In- und Auslandspost im Gebrauch.“

Über die New Yorker Firma Stolow nun, deren früher in Berlin beheimatete Inhaber als die Briefmarkenkönige der Welt gelten, hat Herr Martens ein Rundschreiben des „Informationsbüros der Republik Südmolukken “ aus New York erhalten. In diesem Schreiben wendet sich der Vertreter einer Republik, die vor dem Gesetz nicht existiert, aber immerhin im Register der ausländischen Vertretungen, beim Justizministerium in Washington eingetragen ist (die Registrierung bedeutet nicht die Anerkennung des diplomatischen Status), an die Briefmarkensammler in aller Welt: „Da die Verbindungen meiner Regierung durch Krieg und Blockade erschwert sind, hat sie uns gebeten, den Philatelisten die Briefmarken unseres Landes zugänglich zu machen.“ So beginnt das fünf Seiten lange Informationsschreiben. Es folgt eine Liste von acht Markensätzen von über hundert Werten mit eben jenen bunten Schmetterlingen, Blumen, McArthurs und so weiter, die zur Zeit den Wienern und den Sammlern so viel Kopfzerbrechen machen. Dann folgen drei Seiten lang Erklärungen über den Staat der Südmolukken. Man liest die Namen vieler schwer auszusprechender Inseln und erfährt, daß sie von anderthalb Millionen Menschen melanesischen Ursprungs bewohnt werden, die zum größten Teil Christen sind und sich als prowestlich und strikt antikommunistisch bekennen. Der Leser erfährt weiter von den wichtigsten Bodenschätzen (Minerale und Petroleum) und den Erzeugnissen dieser Inseln: Reis, Kopra, Edelhölzer und Gewürze, Eukalyptus und Perlen... Und er erfährt die Geschichte eines Staates, der nur in den Träumen der Südmolukken existiert.

Am Ende des Rundschreibens für Philatelisten weht die vierfarbige Flagge der Traumrepublik Maluku Selatan: „blau ist die Farbe des moluckischen Meeres und der Loyalität, weiß bedeutet Reinheit und Frieden, grün Hoffnung und Fruchtbarkeit und rot – zwei Drittel der Fahne sind leuchtend rot – steht für Opfer und Liebe.“

Es ist heute durchaus üblich, das Exilregierungen sowohl aus nationalen als auch ökonomischen Erwägungen Briefmarken im Exilland herausgeben, die zuerst keinen Postwert, sondern nur einen Sammlerwert darstellen. So ließen etwa Norwegen und Holland während des Krieges in England Briefmarkenserien drucken, die bei der Rückkehr der Exilregierung in ihr Land sofort Gültigkeit erhielten. Es ist für Philatelisten auch nicht ungewöhnlich, daß Briefmarkenausgaben in offiziellen Katalogen zwar geführt, aber mit dem Zusatz „Philatelistisch abgelehnte Ausgaben“ versehen werden. Als solche fungiert die Molukkenserie in der international bekannten „Kürzl- Briefmarkenliste“. Daß so etwas auch bei Ausgaben regulärer Staaten passiert, beweist die unter Sammlern berühmte belgische Ausgabe der „Orval“ Marken. Im Jahre 1933 hatte der belgische Staat eine Wohltätigkeitsmarke für die Restaurierung der mittelalterlichen Abtei Orval (an den Ardennen) herausgegeben. Diese Serie wurde von den Sammlern „philatelistisch abgelehnt“, da ihnen der Aufschlag von 40 francs auf einen Postwert von 10 francs zu hoch erschien. Mit dem Erfolg, daß diese Serie, die bei ihrer Ausgabe 8 DM kostete, heute auf 150 DM gestiegen ist.

Sind die Marken von Maluku Selatan ein Schwindel? Wir finden sie in jedem größeren Briefmarkengeschäft aller Länder. Sie sind also ebenso existent wie jene molukkischen Inseln im Pazifischen Ozean. Aber sie gelten in der Welt der juristischen und materiellen Tatsachen im Augenblick ebensowenig, wie die unerfüllten Träume der Südmolukken. Monika v. Zitzewitz