Unternehmer diskutierten über ihre Nachfolger – Zwischen Fabrik und Familie

Von Walter Fredericia

Wenn jede Unternehmertochter im teuren Pelzmantel ihr eigenes Auto fährt, wie soll sich dann ein junger Mann überhaupt an sie heranwagen?“ Die Frage wurde nicht auf einer klassenkämpferischen Gewerkschaftskundgebung, auch nicht auf einer Versammlung des Vereins für die Hebung der Geburtenzahl gestellt, sondern auf einer Unternehmertagung. Der Unternehmer – wir meinen hier den selbständigen Unternehmer, der seinen eigenen Betrieb selbst leitet – wird sich seiner besonderen Situation immer mehr bewußt. Er ist, gerade in den letzten Jahren, stärker vor die Öffentlichkeit getreten – oder gezogen worden, und das hat ihn genötigt, seine eigene Position zu prüfen, kurz, sich selbst zu beobachten. Schon lange ist er nicht mehr nur ein Geldverdiener, sondern er ist im Bewußtsein der Öffentlichkeit sowie in seinem eigenen ein Verantwortlichen geworden. Aber seine Verantwortung ist von besonderer Art. Der selbständige Unternehmer ist ja der eigentliche Träger der Form von freier Wirtschaft, die wir zu erhalten wünschen, und somit zusammen mit dem Mittelstand eine der Säulen unseres politischen Systems. Die Selbstbeobachtung hat ihn gelehrt, daß seine Position im schnellen Umbau unserer Gesellschaft gefährdet ist, und zwar nicht nur von der politischen Seite her, sondern auch aus der Struktur des Unternehmertums selbst.

Nachwuchs und Nachfolge

Es ist allgemein bekannt, daß eines der schwierigsten Probleme der modernen Wirtschaft die Nachwuchsfrage für die leitenden Funktionen ist. Beim selbständigen Unternehmer hat aber diese Frage einen ganz besonderen Aspekt. Der Leiter einer großen Aktiengesellschaft kann durch ein besonderes System der Auslese und im Falle des Mißerfolges immerhin durch Auswechseln immer wieder Nachwuchs für die leitenden Positionen heranziehen und einen Nachfolger für sich selbst suchen. Der selbständige Unternehmer dagegen, wenn er seiner Sache treu bleiben will, muß die Leitung seines Unternehmens eines Tages seinen Kindern oder Schwiegersöhnen überlassen. Er kann sich den Nachfolger nicht nach dem Maße der Persönlichkeit und der fachlichen Eignung aussuchen, er kann nicht den für die vorbestimmte Aufgabe geeigneten Mann auswählen, sondern er muß einen vorbestimmten Mann, meist seinen Sohn, dieser Aufgabe anzupassen versuchen. Daher kommt der Erziehung der Nachfolger ein ganz besonderes Gewicht zu, ja, von ihrem Erfolg im ganzen hängt schließlich die Existenz des selbständigen Unternehmertums als Institution ab. Das ist den Unternehmern, die unter dem Druck der Öffentlichkeit zur Selbstkritik auf allen Gebieten übergegangen sind, nicht verborgen geblieben. Eine Tagung, die die Arbeitsgemeinschaft selbständiger Unternehmer kürzlich in Düsseldorf unter dem Titel „Probleme der Nachfolge“ veranstaltete, hat das ganz deutlich gezeigt.

Eines der bemerkenswertesten Ergebnisse der Diskussion war, daß das Generationenproblem, das in anderen Bevölkerungsgruppen fast gänzlich verschwunden ist, in der Schicht der Unternehmer eine sehr große Rolle spielt. Das mag damit zusammenhängen, daß die Familienkonflikte hier ein großes materielles Objekt haben, noch mehr damit, daß die Familienmitglieder in einem Büro und an derselben Sache arbeiten. In den Unternehmerfamilien sind „die Spannungen der Generationen oft sehr stark, bis zur Auflehnung und Verachtung, wenn die Alten im Verstehen der Jungen versagen“. Es gibt auch heute noch viele Väter, die im Stolz auf Familientradition – „ich bin auch so streng gehalten worden“ – und auf die eigene Leistung mit einer gewissen Brutalität ihre 25jährigen, ja 35jährigen Söhne im Betrieb zu einer unselbständigen Rolle verurteilen. Diese Väter haben den besten Glauben, daß sie selbst, und nur sie selbst, alles richtig machen, sie halten die Söhne von der Verantwortung fern, ja sie bezahlen sie auch für gute Arbeit miserabel. Schwere Konflikte sind oft die Folge (die sich nachher noch zwischen den Brüdern fortsetzen mögen). Noch bedenklicher als die unmittelbare Rückwirkung solcher Konflikte auf Betrieb und Familie ist aber, daß der Sohn in dem vorher nicht bestimmbaren Augenblick, in dem er die Leitung plötzlich übernehmen soll, dann seiner Aufgabe nicht gewachsen ist. Der Rückgang des ganzen Unternehmens kann sich daraus entwickeln mit Folgen, die nicht nur auf die Familie, sondern auf Hunderte von Betriebsangehörigen und bei großen Unternehmungen sogar auf die Volkswirtschaft zurückfallen.

Auf das Familienklima achten