Von Armin T. Wegner

Nach jüdischer Überlieferung ist das höchste Vorbild des Volkes nicht der Herrscher, der Staatsmann, Krieger oder Händler. Das Sinnbild seiner Sehnsucht war stets der Lehrer, dazu ausersehen, die Menge geistig, seelisch und künstlerisch aus der Fülle seiner Weisheit zu beschenken.“ Mit diesen Worten eröffnete Albert Einstein, der große Entdecker und ehrwürdige Greis, selbst das Musterbild eines Lehrmeisters, vor kurzem eine Versammlung amerikanischer Kaufleute und Unternehmer in Princeton. Der Zweck ihrer Zusammenkunft war, sich mit ihm über den groß angelegten Bauplan einer neuen hebräischen Hochschule in Jerusalem zu beraten.

Eine zweite Hochschule in der Hauptstadt Israels – kann es möglich sein, nachdem der Grundstein der ersten unter der Obhut erlesener Staatsmänner und Gelehrter des Westens vor kaum einem Vierteljahrhundert auf einem Hügel vor der Stadt in das Erdreich gesenkt wurde? Nicht ein einziges arabisches Geschoß hat während des Unabhängigkeitskrieges dieses Kleinod des jungen Staates getroffen, wenn es sich auch vorübergehend in eine Kampfburg verwandeln mußte. Mit weißen Kuppeln, den graden, aus Kalkstein errichteten Wänden, mit ihren flachen Dächern auf die Urformen aller Baukunst, Würfel und Kugel, zurückgehend, ragt die Burg der Wissenschaften und des Glaubens unversehrt über der Ewigen Stadt auf – eine jüdische Akropolis, wie einer ihrer Eibauer, Erich Mendelsohn, sie genannt hat. Aber die großen geflügelten Wolken Jerusalems, in dieser Berglandschaft zu Hause, deren silbernes Leuchten dem Glanz der Steine gleicht, aus denen die hebräische Hochschule errichtet wurde, sind seit langem ihre einzigen Gäste geblieben. Kein jüdischer Fuß darf die Hochschule mehr betreten.

Düster wie der Platz, auf dem sie steht, voller Erhabenheit und Verhängnis, wie es gewöhnlich das Los des jüdischen Volkes war, ist auch die Geschichte dieser Lehrstätte. Auf ihrem Höhenrücken, der nach einem griechischen Worte „Skopus“ oder „Augenmerk“ genannt wird, schlug der römische Feldherr Titus bei der Eroberung Jerusalems sein Lager auf. Von dieser Stelle aus verfolgte er den schicksalhaften Gang der Schlacht, die mit dem Fall der Stadt und dem Auszug der Juden in eine zweitausendjährige Verbannung endete. Dicht darunter fällt der Blick auf die finsteren Mauern der arabischen Altstadt wie auf eine mittelalterliche Festung. Dem Ende des Bergrückens gegenüber breitet sich am Abhang des ölberges der Garten Gethsemane aus, in dem Christus die Stunden vor seinem Tode durchwachte. Noch bevor man auf der Fahrstraße das Gelände der Hochschule erreicht, aber führt sie an den Gräbern britischer Soldaten vorbei, die im Frühling des Jahres 1918 bei der Einnahme Jerusalems fielen und deren Steine in der kahlen Landschaft, gebleichten Knochen gleich, in der Sonne erglühen. Wendet man sich von der Bücherei mit ihren viele Hunderttausende umfassenden Bänden ab, so steht man auf der anderen Seite des Berges einer halbrunden Schale von geschliffenem Kalkstein gegenüber, die in eine Erdmulde eingelassen ist. Zwischen ihren wenigen, einen Mauerkranz tragenden Säulen öffnet sich der großartigste Hintergrund, den je eine Bühne gehabt hat. Es sind die Berge von Moab und der Bergwüste Judäas, in Dunst gehüllt und bleich wie das Innere einer Muschel, zwischen deren Falten in der Ferne das Tote Meer versinkt – die unvergänglichen Zeugen der fünftausendjährigen Geschichte des jüdischen Volkes. Von dieser Kanzel aus haben Lord Balfour, der jüdische Dichter Bialik, Chaim Weizmann und Albert Einstein bei der Grundsteinlegung und Eröffnung ihre Botschaften über die Hochschule in die Welt gehen lassen, die als Lehrstätte der Weisheit für den ganzen Nahen Osten bestimmt war. Nie wurde einer Hochschule eine höhere Aufgabe für das eigene Land sowohl wie für seine morgenländischen Nachbarn gestellt, denen ihr Antlitz zugewandt ist, wie auch für die Judenheit der Welt. Schon hatte noch vor Beginn des zweiten erdumfassenden Krieges die große Heilstätte des Rothschild-Hadassah-Krankenhauses zur Ausbildung von Ärzten und Pflegern, ausgestattet mit den kostbarsten Erfindungen und Geräten des Westens zur Behandlung der Leidenden, ihre Säle eröffnet, füllten Hallen und Höfe der Lehrhäuser für weltliche und göttliche Gesetze sich mit Schülern vieler Sprachen. Wie im alten Griechenland in den Gärten Epikurs plante man, Wandelgänge für das nachdenkliche Gespräch den Gebäuden hinzuzufügen. Ruhehallen, Turn-, Spiel- und Kampfplätze, Wiesen und Baumgruppen mit Schwimmbecken sollten die Anlagen zu einer hochgelegenen Stadtburg zusammenschließen, und die hebräische Hochschule versprach zu einer Leuchte des vorderen Asiens zu werden, an dessen Grenze sie auf der Scheide zwischen Abend- und Morgenland liegt. Da traf ihre Bewohner und Hüter das Los, das dem jüdischen Volke schon oft in der Geschichte widerfuhr, nur diesmal im eigenen Lande: Vertreibung und Heimatlosigkeit.

Die Landstraße, die aus Jerusalem in weitem Bogen zur Höhe des Skopus hinaufsteigt, führt durch arabisches Gebiet. Als kurz vor dem Ausbruch des jüdischen Freiheitskrieges zwei Wagen der großen Verkehrsgesellschaft Israels, welche die Verbindung zwischen der Stadt und der Hochschule aufrechterhielt, an einem Aprilmorgen des Jahres 1947 zu ihrer täglichen Fahrt aufbrachen, wurden sie von arabischen Freischärlern und Bauern überfallen. Beinahe hundert Hochschüler und Lehrer, darunter neun namhafte Gelehrte des Landes, fielen unter den Augen der englischen Besatzung dem Gemetzel zum Opfer. Zwar gelang es den jüdischen Soldaten im Kriege, die Höhe des Bergrückens und ihre kostbaren Gebäude zu halten, die heute unter der Aufsicht der vereinigten Völker der Erde stehen, aber die Landstraße, auf welcher der Überfall erfolgte, blieb beim Abschluß des Waffenstillstandes in den Händen der Araber. Seit dieser Zeit begann die babylonische Gefangenschaft der hebräischen Hochschule, deren Lehrer und Schüler bald in diesem, bald in jenem Teil der Neustadt Jerusalems, in früheren christlichen Wohlfahrtsheimen und Lehrhäusern notdürftig untergebracht, ein ruheloses Dasein fristen. Um ihrer Heimatlosigkeit im siebenten Jahre dieser Irrfahrt ein Ende zu setzen, haben sich Stifter und Gönner der Hochschule von Jerusalem in Princeton zusammengefunden, um durch die Opfergabe von zehn Millionen amerikanischen Geldes vor den Toren der Heiligen Stadt bei Ain Karim, der Geburtsstätte des Apostels Paulus, eine neue Hochschule zu errichten.

Die „jüdische Akropolis“ erlitt ein ähnliches Schicksal wie ihre berühmtere Schwester: Verlassenheit und Leere. Als man vor wenigen Jahren die Feier ihres fünfundzwanzigjährigen Bestehens beging, mußten die zu ihrer Ehrung aus allen Ländern der Welt herbeigeeilten Gäste sich statt in der Hochschule in dem Hotel des Königs David oder den prunkhaften Sälen des amerikanischen Vereins christlicher junger Männer versammeln. Und während sie im Garten bei Musik und Tänzen an einem warmen Maiabend beisammensaßen, erschien über den Dächern der Stadt fern am Himmel, von Scheinwerfern bestrahlt und unerreichbar in der Luft schwebend, die verbotene Hochburg der Wisenschaft mit ihren glänzenden Fensterreihen, Kuppeln und Dächern, so wie ihre Erbauer sie einst in gläubiger Scheu erblickt hatten, schimmerte geisterhaft in der Nacht und erlosch.