Am 18. Januar wurde die der Tachen-Inselgruppe im Norden vorgelagerte Insel Jikianschan durch rotchinesische Truppen erobert. Dies scheint für Peking die Probe darauf gewesen zu sein, ob die Vereinigten Staaten in dem Kampf um die dem chinesischen Festland vorgelagerten, von Truppen Tschiang Kai-scheks besetzten Inseln eingreifen werden. Obwohl Marine- und Luftwaffeneinheiten der siebenten amerikanischen Flotte nahezu in Sichtweite des Kampfplatzes standen, blieben sie untätig.

In seiner Formosa-Erklärung bei Ausbruch des Korea-Krieges am 30. Juni 1950 hatte Präsident Truman der siebenten Flotte den Befehl gegeben, jeden Angriff auf Formosa zu verhindern, und gleichzeitig die nationalchinesische Regierung ersucht, alle Luft- und Seeoperationen gegen das chinesische Festland einzustellen. Die siebente Flotte erhielt den Befehl, dafür zu sorgen, daß diesem Ersuchen auch entsprochen würde. Eine Änderung dieser Politik trat ein, als Präsident Eisenhower in seiner Botschaft an den Kongreß über die Lage der Nation am 2. Februar 1953 erklärte, er „werde Anweisungen geben, daß die siebente Flotte nicht mehr länger als Schild für das kommunistische China dient.“ Damit war Tschiang Kai-schek freie Hand für Operationen gegen das chinesische Festland gegeben, die in erster Linie von den küstennahen Inseln ausgingen.

Die Inseln bilden, solange sie von nationalchinesischen Streitkräften besetzt sind, zweifellos eine Gefahr für das chinesische Festland, zumal sie in unmittelbarer Nähe wichtiger chinesischer Festlandshäfen liegen. So ist die in der Bucht von Amoy gelegene, von den Nationalchinesen besetzte Insel Quemoy von der Hafenstadt Amoy nicht weiter entfernt, als die in der Einfahrt nach New York gelegene Insel Staten Island vom New Yorker Stadtteil Manhattan. Ähnliche Verhältnisse bestehen für den Hafen Futschau, dem die nationalchinesischen Inseln Matsu und Paichuan vorgelagert sind, während die Tachen-Inseln als die nördlichste Inselbastion der Nationalchinesen eine Kontrolle der Küste der Provinz Tschekiang bis nach Hangtschau ermöglichen. Der Besitz aller dieser Inseln gibt den Nationalchinesen nicht nur die Möglichkeit zur Durchführung einer teilweisen Blockade der chinesischen Küste, sondern auch die Brückenköpfe, aus denen sie eine Invasion auf das Festland starten können.

Es steht fest, daß der chinesische Ministerpräsident Tschu En Lai mit dem Generalsekretär der UNO, Dag Hammarskjöld, über diese Probleme ausführlich gesprochen und insbesondere seine Befürchtungen wegen jener Bestimmung des amerikanisch-nationalchinesischen Verteidigungspaktes zum Ausdruck gebracht hat, die vorsieht, daß der Vertrag „auch auf solche anderen Gebiete ausgedehnt werden kann, auf die sich die beiden Parteien einigen“. Ob Tschu einen konkreten Vorschlag zur Lösung der rotchinesisch-amerikanischen Spannungen unterbreitet hat, ist unbekannt. Am 14. Januar war Hammarskjöld nach New York zurückgekehrt. Unmittelbar nach seiner Ankunft hatte er eine lange Unterredung mit dem Chefdelegierten der Vereinigten Staaten bei der UNO, Cabot Lodge, und noch am gleichen Tage sandte das State Department der nationalchinesischen Regierung eine Note, in der erklärt wurde, das die Verpflichtungen aus dem gemeinsamen Verteidigungspakt sich nicht auf einen Angriff auf das chinesische Festland beziehen. Darauf folgte der Beschluß des Nationalen Sicherheitsrates, wonach amerikanische Luft- und Seestreitkräfte zur Räumung der in nationalchinesischer Hand befindlichen Inseln vor dem Festland bereitgestellt werden sollen. Es scheint aber, daß Washington nicht weiter gehen will. Denn Präsident Eisenhower hat inzwischen den Kongreß um die Vollmacht ersucht, zur Gewährleistung der Sicherheit Formosas und der Pescadoren-Inseln vor einem kommunistischen Angriff Streitkräfte der Vereinigten’ Staaten einsetzen zu dürfen. Das deutet darauf hin, daß die unmittelbar vor der Festlandküste liegenden Inseln von den Nationalchinesen geräumt werden sollen, daß aber Formosa einschließlich der auf halbem Wege zwischen Formosa und dem Festland liegenden Pescadoren einen erhöhten Schutz erhält.

Eine Räumung der küstennahen Inseln würde einen an seiner engsten Stelle etwa 150 Kilometer breiten Sicherheitsgürtel schaffen, der eine nationalchinesische Invasion des Festlandes kaum mehr möglich erscheinen läßt.

Es fragt sich jetzt, ob die von der britischen Regierung seit langem unterbreiteten, von den Vereinigten Staaten aber bisher abgelehnten Vorschläge, Formosa vorläufig den Vereinten Nationen zu unterstellen, über die neuerdings ein lebhafter Gedankenaustausch zwischen London und Washington stattfindet, zu einem Ergebnis führen werden. Die chinesischen Kommunisten scheinen sich aber einer solchen Regelung weiter zu widersetzen. Tschu hat am Montag „das Gerede von einem Waffenstillstand über Formosa“ als eine Verschwörung bezeichnet und seine Entschlossenheit bekräftigt, die nationalchinesische Insel zu „befreien“. Ernst Krüger