Von den Absichten Moskaus bei der Abfassung der jüngsten Deutschlandnote sind zwei offenkundig: Verhinderung oder Verzögerung des Inkrafttretens der Pariser Verträge und Belieferung aller Integrationsgegner im westlichen Lager mit frischer Propaganda-Munition. Weniger offenkundig ist eine dritte Absicht, nämlich die Neubelebung des latenten westlichen Mißtrauens gegen die Aufrichtigkeit des deutschen „Westkurses“. Absicht Nummer drei ist bereits dann erreicht, wenn das deutsche Echo auf die Moskauer Vorschläge so ist, daß es die westlichen Verbündeten mißtrauisch macht. In gewissem Grade ist das geschehen. Daß dieses Mißtrauen auftauchen konnte – und bei ähnlichem Anlaß wieder auftauchen wird – liegt aber an dem, was man den westlichen Tauroggen- oder Rapallo-Komplex nennen kann. Damit befaßt sich nachstehender Aufsatz.

Der amerikanische Journalist W. Lippmann hat die Theorie entwickelt, den Kern der deutschfranzösischen Schwierigkeiten mache nicht die Wiederbewaffnung aus, sondern das Problem, wie es sicherzustellen sei, daß die Lösung der deutschen Frage Viermächteverhandlungen, nicht aber einem unmittelbaren Kontakt zwischen Bonn und Moskau vorbehalten bleibe. Lippmann steht nicht erst neuerdings in der Front jener, welche die Gefahr einer deutschen Ostorientierung beschwören, und diese Front ist alles andere als unbedeutend: sie umfaßt vielmehr nahezu alle, die sich im Westen mit Außenpolitik beschäftigen, sie ist auch nicht erst durch die Teilung Deutschlands entstanden, und wenn die verantwortlichen Kreise Washingtons und Londons heute angesichts des betont guten Verhältnisses zu Bonn auch offiziell ihre Zugehörigkeit zu dieser Front verbergen, so sind sie insgeheim doch von jener Sorge getrieben – von Paris ganz zu schweigen. –

Die Sorge nährt sich von der Vorstellung, der deutschen Außenpolitik wohne die mit der Kraft eines Naturtriebes ausgestattete Neigung inne, den Westen gegen den Osten „opportunistisch“ auszuspielen. Man ruft die Geschichte als Zeugen an: Tauroggen, Bismarcks Rückversicherungsvertrag, Rapallo, Seeckts geheime Zusammenarbeit mit der Sowjetunion, der Hitler-Stalin-Pakt vom August 1939 schließlich – das sind die nimmermüden Paradepferde, auf denen die Angstgespenster zu reiten pflegen. Abgesehen davon, daß ein „Ausspielen“ dieser oder jener Mächtegruppe durchaus zum legitimen Handwerk, ja geradezu zum Begriff des Politischen gehört, der wertgeladenen und apolitischen Vokabel „Opportunismus“ also in der Welt der politisch Denkenden höchstens eine propagandistische Bedeutsamkeit zukommt – abgesehen davon beruht jene Vorstellung auch auf einem zähen Mißverständnis der Geschichte.

Gerade Tauroggen ist das unsinnigste Beispiel. Der preußische General York schloß mit dem russischen General Diebitsch auf eigene Faust einen Neutralitätsvertrag, um den zögernden Friedrich Wilhelm III. zu bewegen, sich gegen Napoleon zu wenden. Aber damals übte Napoleon gerade die Funktionen Hitlers und Stalins aus, er war es, der den Frieden Europas bedrohte, er vertrat die völkerrechtliche Illegitimität, während Zar Alexander die Legitimität repräsentierte. Tauroggen wäre also eher, wenn man will, ein Zeugnis gerade unserer „westlichen“ Gesinnung, und es bedarf schon einer gewissen Unbildung, jenen Vertrag heute gegenteilig zu deuten.

Der Rückversicherungsvertrag, den Bismarck 1887 mit Rußland schloß und der nach dessen Sturz zu unserem und Europas Unglück 1890 nicht erneuert wurde, war ein Stück aus dem meisterhaften Spiel, das er zur Sicherung des europäischen Gleichgewichts und Friedens betrieb. Seine Rußlandpolitik, in Verbindung mit den Österreich- und Italienverträgen, bezweckte nicht zuletzt auch eine Milderung des anglo-russischen Gegensatzes. Gewisse, die Dardanellen betreffende Widersprüche zwischen den Verträgen mit Rußland und Italien konnte ein Bismarck in der Praxis überwinden, aber sein Nachfolger Caprivi fühlte sich dem „Spiel mit fünf Bällen“ nicht gewachsen. Auch der Rückversicherungsvertrag war keine deutsche Wendung gegen den Westen: mit dem gleichen Recht hätte damals Petersburg das Gegenteil vermuten können, ein Verdacht, den es auf dem Berliner Kongreß tatsächlich auch schöpfte.

In dem Vertrag von Rapallo verzichteten Rußland und Deutschland 1922 auf alle gegenseitigen Ansprüche, die sich aus dem Kriege und aus dem Frieden von Brest-Litowsk ergeben hatten. Damit war der Artikel 116 des Versailler Vertrages gegenstandslos, der eine Geltendmachung der russischen Ansprüche durch die Westmächte vorsah, eine Bestimmung, durch die insbesondere Frankreich gehofft hatte, seine während des Krieges dem Zaren geliehenen Milliarden nun von Deutschland wieder einzutreiben. Rapallo war der erste Sieg der deutschen Nachkriegsdiplomatie über die Entente, deren politische Unvernunft in derseltsamen Annahme bestand, man könne Deutschland zwar die Luft abschnüren, aber gleichzeitig seine Sympathien an den Westen binden. Diebekannte Denkschrift Seeckts aus dem gleichen Jahre, die der Westen heute gern zur Stützung seines Mißtrauens heranzieht, weil sie eine Kooperation mit Rußland empfahl, ging ja gerade von der damals richtigen Annahme aus, Frankreich treibe uns gegenüber „Vernichtungspolitik pure et simple“. Es war in der Tat naiv, unter solchen Umständen von Deutschland zu erwarten, es werde auf die Chance verzichten, durch eine begrenzte Zusammenarbeit mit Rußland die westliche Bedrohung zu mildern.

Die Tatsache, daß Rapallo nicht einer tückischen Laune Walter Rathenaus entsprang, sondern die zwangsläufige Frucht westlicher Politik war, hätte diese beizeiten zu einer Revision bewegen sollen. Statt dessen wurde die Revision so gemächlich betrieben, daß inzwischen Hitler auf den Wogen des Versailler Ressentiments zur Macht kommen konnte. Dessen Vertrag mit Stalin vom August 1939 war der erste und einzige Fall, der jenem westlichen Mißtrauen einen Schein des Rechtes gab: denn in der Tat waren England und Frankreich vorher Hitler bis zur Grenze des Erträglichen entgegengekommen, und dennoch verbündete er sich mit Stalin. Doch es zeichnete den Vertrag ja gerade aus, daß er zu der Tradition der deutschen Außen- und Militärpolitik in Widerspruch stand:, deren zentrale Tendenzen ergaben sich aus unserer geographischen Lage, welche die Drohung eines Zweifrontenkrieges so ernst wie möglich nehmen und eine allzu enge Bindung weder an den Osten noch an den Westen geraten sein ließ. Es ist der kaiserlichen Politik nach Bismarcks Ausscheiden nicht gelungen, dieser Drohung zu begegnen. Es ist auch Hitler nicht gelungen: obwohl er sie gerade durch den Stalinpakt auszuschalten wähnte, in der abenteuerlichen Hoffnung, die Westmächte würden nun einem Angriff auf Polen tatenlos zusehen. Adenauers Politik steht zwar auch zu jener Tradition in einem diametralen Gegensatz, aber nur deswegen, weil unter den 1945 so gründlich gewandelten Voraussetzungen die Alternative noch gefährlicher sein mag. Die westliche Vorstellung von der triebhaft-mutwilligen Lust der deutschen Außenpolitik an einer Ostorientierung beruht in Wahrheit also auf einer Legende, ebenso wie die Klage, Deutschland habe Frankreich innerhalb von 70 Jahren dreimal „überfallen“, obwohl es 1870 auf beiden Seiten um die Hegemonie in Europa ging und obwohl heute kein alliierter Historiker mehr die deutsche Alleinschuld am ersten Weltkrieg behaupten könnte, ohne mit seinem wissenschaftlichen Ruf zu spielen: doch weder die Politiker noch gar die öffentliche Meinung fühlen sich der Geschichte verpflichtet, sie ziehen oft die Fabel vor, weil sie die bequemeren Argumente liefert, oder auch einfach, weil es an historischer Bildung fehlt. Doch man soll die Rolle, welche die Legende in der Geschichte zuweilen spielt, nicht wegen der Leichtigkeit des Gegenbeweises unterschätzen. Gerade die Not, in der der Westen sich befindet, läßt die Furcht vor einer deutschen Ostorientierung um so nachhaltiger wirken, zu einem Alptraum, einem schweren Komplex werden, der die Frage nach seiner historischen Berechtigung gar nicht mehr aufkommen läßt, sondern ein Motiv des Handelns liefert und damit die Tatsachen schafft, die wir nicht ungestraft ignorieren können. Winfried Martini