Von Paul Hühnerfeld

In leuchtendem Orange-Rot ist der Umschlag gehalten, und in schwarzen Versalien prangt der Titel:

„Deutscher Geist zwischen Gestern und Morgen – Bilanz der kulturellen Entwicklung seit 1945“, herausgegeben von Joachim Moras und Hans Paeschke, unter Mitwirkung von Wolfgang v. Einsiedel (Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart, 473 S., 12,80 DM).

Wahrhaftig, der anspruchsvollste Titel, den je ein deusches Buch seit 1945 getragen hat! Welches Maß von Verantwortung übernahmen die Herausgeber, als sie – doch wohl im Sirin des Thomas von Aquin – eine „Summe“ des deutschen Geistes geben wollten! Welches Zutrauen müssen sie zu sich und ihren Mitarbeitern gehabt haben, welche Kühnheit, den Geist eines Landes zu schildern, das seit 1945 notwendigerweise mehr einem Haufen zusammengekoppelter Provinzen ähnelte als einem Staat und in dem alles, was geschah – notwendigerweise provinziell geschah.

Die beiden Herausgeber sind seit Jahren die Verantwortlichen der Zeitschrift „Merkur“; es ist wichtig, ihnen zu attestieren, daß die besten Beiträge dieser Zeitschrift durchaus überprovinziellen Charakter tragen, eine Seltenheit, ja nach Lage der Dinge ein Paradoxon. Wer also schiene besser geeignet als sie, eine solche „summa“ zu edieren?

Der erste Schrecken freilich bleibt dem Leser schon beim Lesen des Untertitels nicht erspart: „Bilanz der kulturellen Entwicklung.“ Nanu: ist „Kultur“ eine Unterabteilung der „Volkswirtschaft“ geworden? Gehört sie zum Handelsrecht? „Bilanz“, so sagt der Brockhaus schlicht, „ist die kontenmäßige Gegenüberstellung der Aktiva und Passiva einer Unternehmung.“ Seien wir nicht so engherzig wie das Lexikon: geben wir gern zu, daß bei ungenauem Sprachgebrauch Bilanz auch in übertragendem Sinne gebraucht wird: aber auch dann behält es den Charakter des Abrechnens, des kaufmännischen Gegenüberstellens. Kann man in dieser Weise „Kultur“ abwägen?

Doch warum kleinlich: vielleicht ist der Untertitel gewählt worden, um die wirkliche Bilanz des Verlages bei diesem Buch zu den Aktiva hin zu verändern, weil man sich von solcher Unterzeile guten Verkauf versprach – es wäre nicht das erstemal, daß ein Titel nicht dem Inhalt eines Werkes, entsprach. Und tatsächlich sieht es nach der Lektüre des ersten Aufsatzes von W. E. Süskind „Der politische Rohstoff“ auch so aus, als sei der Besprecher kleinlich gewesen. Welch exakte Interpretation des politischen Lebensbezuges der Deutschen im Jahre Null (sprich: 1945)! Welch scharfsinnige Beobachtung ihrer Wünsche, Illusionen und der bis heute genutzten und ausgelassenen Möglichkeiten!