Wann hat die Gegenwart begonnen? Unsere Historiker stimmen heute überein, daß das Jahr 1917 – das Jahr des Eingreifens der USA in den europäischen Krieg und das der russischen Revolution – jene Zäsur darstellt, die unwiderruflich die Vergangenheit von der Gegenwart scheidet. Nun sind unsere Historiker zwar immer noch ein wenig geneigt, die „Weltgeschichte“ sub specie des Abendlandes zu betrachten, und fragen nicht immer, wie der Nichteuropäer die Akzente verteilt. Aber in der Frage nach dem Anfang der Gegenwart wird das europäische Urteil auch von Asien her bestätigt. Der erste asiatische Historiker, der es unternommen hat, den weltgeschichtlichen Kampf zwischen Europa und Asien im Zusammenhang zu beschreiben, kommt zu dem Ergebnis, daß der erste Weltkrieg „eine Weltrevolution darstellte, die zwischen der Zeit vor dem I. August 1914 und den Jahren nach dem 11. November 1918 eine unüberbrückbare Kluft riß“:

Kavalam Madhava Panikkar „Asien und die Herrschaft des Westens“ (Aus dem Englischen von Dr. Rudolf Frank, Steinberg-Verlag, Zürich, 177 S., Leinen 22,80 DM).

Professor Panikkar, in Oxford und London als Jurist und Historiker ausgebildet, 1917 Hochschullehrer in Indien, 1925 Begründer der „Hindustan Times“, seit 1931 Vertreter der indischen Kirsten bei der Round Table Conference, 1937 Premierminister des Fürstentums Bikaner, 1948 Botschafter Indiens in China, zuerst bei Tschiang Kai Schek, dann bei Mao Tse Tung, 1952 Botschafter in Kairo, seit 1954 Mitglied der indischen Hegierungskommission für Reorganisation der indischen Staaten, ist – schon als Freund Ganchis – das Gegenteil eines Fanatikers.

Schon die Methode der Quellenverwertung zeigt Panikkars gründliche Schulung in der kritibilden Geschichtsschreibung, die in Europa ausgebildet wurde – und ist dadurch schon selbst ein Kriterium dafür, daß die Spuren, der europäischen Ausbreitung über Asien auch nach dem Zusammenbruch der Herrschaft des Westens „nicht in Äonen untergehen werden“ (es sei denn, über Asien bräche die Nacht der totalen Barbarei herein). Die gebildete Elite Asiens, die sich heute anschickt, den militärischen Faktor in der Weltpolitik zugunsten des diplomatischen zu entschärfen, pocht ja weder auf die archaischen Züge ihrer Hochkulturen noch ist sie schlechtweg „europäisiert“.

Schon jetzt ist bei uns in Europa der noch vor zwanzig Jahren selbstverständliche naive Europäismus der Ansichten von Welt, Geschichte und Veitgeschichte im schnellen Abbau begriffen, und man erkennt immer stärker, daß auch die europäische Geschichte der Neuzeit, weil sie Geschichte der ersten Ausbreitung eines Komplexes von Macht und Kultur über den ganzen Erdball gewesen ist, von zwei Brennpunkten aus erfaßt werden muß: außer von Europa auch von Asien her.

Gerade weil Professor Panikkar die Verblendung, die hochmütige Selbstsucht der früheren europäischen Herrschaftsmethoden und die daraus resultierende Hilflosigkeit der christlichen Missionsversuche in den Ländern der alten Hochkulturen mit aller wünschenswerten Rigorosität (und mit reicher Dokumentation) darstellt, hat sein Resümee um so größere Bedeutung für jeden Leser, der sein Urteil klären möchte: „Die durch europäische Vorbilder und Einwirkungen bewirkten Veränderungen sind nicht vorübergehend, sondern durchgreifend und weitreichend und werden auch vor einem neuen panasiatischen Gefühl nicht verschwinden. Vielleicht am bleibendsten sind sie auf dem Gebiet des Rechts verankert. Das juristische System, in dem Indien seit mehr als hundert Jahren lebt und in dessen stählernem Rahmen sich seine soziale, ökonomische und staatsrechtliche Entwicklung vollzog, war das Werk eines englischen Indienministers, des liberalen Historikers Thomas Babington Macaulay. Was Bedeutung und Fortschritt angeht, läßt sich der Codex Macaulay mit seinem Grundsatz der Gleichheit aller Inder vor dem Gesetz den Gesetzbüchern seiner großen Vorgänger Manu, Justinian, Napoleon wohl an die Seite stellen.“

Die Weltrevolution, die durch den Krieg 1914 bis 19 18 ausgelöst wurde, und die Freiheit, die sich die Völker Asiens seither erkämpften, trägt also europäische Züge – gewiß auch dort, wo sie sich, wie im kommunistischen China, das die Sittenlehre des Konfuzius ausgemerzt und die dreitausend Jahre alte Sippenverfassung beseitigt hat, mit der äußersten Schärfe gegen das Abendland zu, wenden scheint. C. E. L.