Am 29. Januar wird sich der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland mit der Frage beschäftigen, was die evangelischen Landeskirchen zur Wiederbewaffnung sagen sollen. Die Besprechungen können zwar nicht zu einer verbindlichen Lehrmeinung führen, denn keine Instanz der evangelischen Kirche spricht ex cathedra. Aber es ist nötig und auch wohl zu erwarten, daß sich im Kreise der Kirchenführung, eine Ansicht bildet, die der drohenden Spaltung der Pfarrerschaft vorbeugt. Denn einstweilen reichen die Meinungen unter den Pfarrern von schroffer Ablehnung bis zur uneingeschränkten Bejahung der Wiederbewaffnung.

Schon öfter im Laufe der letzten drei Jahrzehnte haben die religiösen Sozialisten in der evangelischen Kirche, außer ihnen aber auch Gruppen von parteifernen Theologen, die aus dem Evangelium die strikte Gewaltlosigkeit ablasen, einen radikalen christlichen Protest gegen jedes Waffentragen angemeldet. Nach dem zweiten Weltkrieg ist die kleine Minderheit von unbedingten Pazifisten in der evangelischen Kirche nicht unerheblich angewachsen. Heute findet man gerade unter den parteilich nicht gebundenen Pfarrern nicht wenige, die – in Fortführung der alliierten These von der reeducation – von der Kanzel herab predigen, die Deutschen dürften nie wieder Waffen in die Hand nehmen. Ihnen besagt es nichts, daß in den anderen christlichen Kirchen des Abendlandes und der Neuen Welt kein solcher Wandel der theologischen Überzeugungen zu bemerken ist. Der Pazifismus dieser deutschen Pfarrer entspricht nicht so sehr der Auffassung, das Evangelium verbiete jedem guten Christen den Waffendienst, als vielmehr einer aus der Erfahrung des zweiten Weltkrieges hervorgegangenen Folgerung, die nur auf Deutsche anwendbar sein soll.

Die Politik der Sowjets hat, in leicht erkennbarer Absicht, an diese aus einer Verflechtung moralischer und religiöser Motive erwachsene Pfarreropposition angeknüpft und gehofft, eine starke Gruppe; wenn nicht gar die Gesamtheit der evangelischen Kirche diesseits des Eisernen Vorhangs als Bundesgenossen zu gewinnen. Zu einem solchen Bündnis ist es faktisch nicht gekommen. Aber diejenigen Geistlichen und Kirchenführer, die der Wiederbewaffnung opponieren, müssen sich in der Öffentlichkeit immer wieder, und mit Recht, sagen lassen, sie seien, wenn auch wider Willen, sehr willkommene Helfer der sowjetischen Deutschlandpolitik. Und auch die Tatsache, daß bei der Bundestagsdebatte der Sprecher der Opposition ein der SPD-Fraktion zur Verfügung gestelltes Memorandum evangelischer Pfarrer gegen die Wiederbewaffnung zitieren konnte, zeigte, wie sehr sich die politischen Fronten seit jenen Zeiten verschoben haben, in denen gerade die evangelischen Kirchen den größten Wert darauf legten, als staatserhaltend zu gelten.

Das Für und Wider

Gewiß stehen die Dinge nicht so einfach, daß die der Wiederaufrüstung sich widersetzenden Geistlichen als Sozialdemokraten und die übrigen als Anhänger der Regierungskoalition zu zählen wären. Aber eins ist deutlich zu sehen: Das Für und Wider um den Verteidigungsbeitrag hat die evangelische Kirche auf das politische Kampffeld getrieben. Die Wiederbewaffnung, zunächst eine rein politische Frage, ist unversehens zu einem religiösen Problem geworden. Gewissenskonflikte und -entscheidungen, wie sie ganz besonders der Protestant der Überlieferung nach mit sich allein abzumachen hat, werden mit dem Ja oder Nein zur Wiederbewaffnung belastet. Immerfort ist in den Kontroversen der letzten Jahre Ethisches und Religiöses mit Politischem bis zur Unentwirrbarkeit verquickt worden.

Die Kirche wird nicht umhin können, aufs neue die religiöse Ebene von der politischen abzugrenzen und die Vermengung wieder zu entflechten, die gewisse allzu resolute Theologen in Übereinstimmung mit den Wünschen gewisser außerkirchlicher Gruppen herbeigeführt haben. Sie wird sich einem direkten politischen Urteil in der Frage der Wiederbewaffnung entziehen und eben diese Enthaltung aus evangelischer Tradition begründen müssen.

Natürlich heißt das nicht, die evangelischen Kirchen sollten sich von den Problemen der unmittelbaren Zukunft distanzieren und in den Elfenbeinturm der zeitlosen Verkündung zurückziehen. Das Gegenwärtigsein der Kirche in der Zeit ist gerade eines jener Elemente, das in den letzten Jahrzehnten neue und bedeutende Kräfte in ihr entbunden hat. Aber es muß nun für alle erkennbar werden, welcher Unterschied besteht zwischen Kräften, die auflösen, und solchen, die zerstören.