Nationale Krater auf einem Glacis Europas – Fahrt durch den Eifelkreis Schleiden

Der belgische Außenminister Spaak erklärte im belgischen Senat nach der Ratifizierung der PariserVerträge sollten Verhandlungen über die deutsch-belgische Grenze geführt werden.

Aachen, Anfang Februar

Etwa zehn Kilometer südlich von Aachen, auf der Straße, die nach Monschau führt, begegnet man der ersten Kriegserinnerung. Eine Höckerlinie, die sich durch die Felder schlängelt, greift bis auf die Autostraße hinauf. „Drachenzähne“ des Westwalls – man lächelt heute darüber. Fast possierlich nehmen sich die niedrigen Betonkegel aus. Sollen sie als Denkmal erhalten werden? – Plötzlich taucht ein Schild auf: Achtung, Zollschranke. Wieso? Die Autokarte zeigt keine Landesgrenze. Auch der offizielle Omnibus von Aachen nach Trier fährt doch diese Straße ... Der Schlagbaum ist hochgezogen, der Zöllner in seinem Häuschen fast erstaunt, wenn ein fremder Wagen bremst. Der Grünrock winkt: weiter! Ein zweites Schild sagt dann aber doch: Belgisches Gebiet; Anhalten und Aussteigen verboten. Nach einigen Kilometern wieder Schlagbaum, Zöllner, Durchfahrt ohne Aufenthalt. Das war die erste belgische Bucht im deutschen Grenzland. Das Straßenstück ist international. Der Verkehr hat sich eingespielt. Ein fremder Staat beschränkt sich auf die Repräsentation seines Hoheitsrechts, ohne zu kontrollieren, geschweige denn zu schikanieren.

Nachdem auch Monschau, die „romantische Perle“ im Venn, passiert ist, wirken die häufiger werdenden Drachenlinien des Westwalls a. D. gar nicht mehr denkmalhaft, sie entpuppen sich als sperrige Flurschäden. Bald aber grüßt mit freundlichem Willkomm der „Grenzkreis Schleiden“. Düsenflugzeuge jagen vor ihrem eigenen Schall über den Himmel, stürzen, werfen ihre Bomben und bohren sich wieder in die Wolken. Hier, auf deutschem Boden, haben sie einen Zielplatz; in Holland oder Belgien liegt ihre Basis.

Kurz vor Schöneseiffen ist die Straße verrammelt. Diesmal bedeutet der Schlagbaum keine Zollschranke. „Wegen Scharfschießens mittwochs und donnerstags von 9 bis 11 und 14 bis 16 Uhr gesperrt.“ Wir haben den ersten wunden Punkt des Eifelkreises erreicht. Vom Truppenübungsplatz Elsenborn in Belgien jagen die Panzer- und Artilleriegranaten über Grenze, Straße und deutsche Dörfer hinweg nach Vogelsang und umgekehrt. Wir lassen Schleiden also zunächst liegen und schlängeln uns über Gemünd zu dem ominösen Schießplatz Vogelsang hinauf. Die Wegebezeichnungen werden dreisprachig, das „Camp“ illustriert durch ein rotes Vöglein, das lustig zwitschert auf einem grünen Zweig. Es liegt auch Infanterie da, und man muß sogar auf freien Straßen die roten Fähnchen beachten. Hier wird überall geschossen.

Bis zum eigentlichen Lager kommt kein Unbefugter. Es ist die ehemalige „Ordensburg“ Vogelsang. Hier wollte die NSDAP ihre braune Elite erziehen. In den Kasernen, soweit sie vom Krieg verschont sind, und in neuerrichteten Baracken ist gerade ein niederländischer Verband stationiert. Vorige Woche waren 150 belgische Panzer da. Sie schießen nicht nur nach Alsenborn, von der Straße zwischen den mächtigen Urft- und Rurtalsperren aus dient die Bergwand selbst den Panzern für Zielübungen. Der Truppenübungsplatz ist als militärische Anlage zugleich ein Pfeiler im strategischen System des NATO-Oberkommandos.