Zwei Faktoren haben die Unternehmungslust in den Börsensälen gedämpft: der verstärkte innenpolitische Kampf gegen die Pariser Verträge und die Formosa-Krise. Man glaubt zwar weiterhin fest daran, daß die Wiederaufrüstung der Bundesrepublik im Bundestag eine Mehrheit finden wird, aber man ist beunruhigt über die Formen, die der Kampf gegen die Ratifizierung angenommen hat, weil sie die Möglichkeit wirtschaftlicher Störungen einschließen. Noch nachdrücklicher wirkte sich auf die Aktientendenz jedoch die Krise im Fernen Osten aus. Das offensichtliche Bestreben nach höchstmöglicher Liquidität, um gegebenenfalls umgehend Eindeckungen auf den Rohstoffmärkten vornehmen zu können, findet seine Parallele in der Situation, die an den Börsen unmittelbar zu Beginn des Koreakrieges bestand. Auch damals gab es zunächst rückläufige Kurse, bis dann die Sachwertpsychose einsetzte und zu der Koreahausse führte. Betrachtet man die Kursentwicklung unter diesen Aspekten, so wird für die kommenden Wochen die Frage „Krieg oder Frieden in China“ von entscheidender Bedeutung sein. Wenn sich angesichts dieser Ungewißheit die in- und ausländische Kundschaft mit neuen Dispositionen zurück hieltund der Berufshandel unter sich blieb, so ergaben sich trotzdem nirgends zu Bedenken Anlaß gebende Erscheinungen. Als ohne Zweifel positiv ist die wachsende Nachfrage nach steuerfreien oder steuerbegünstigten Renten zu werten, die das Gerede über eine drohende Inflation ad absurdum führt. Übrigens ist auch der Goldpreis eher noch rückläufig. Für ein 20-Markstück wurde etwa nur 39 DM gezahlt.

In den Standardwerten des Aktienmarktes lagen die Verluste etwa zwischen 5 und 15 Punkten. überraschend war der Kurssturz bei Cassella, die zu Beginn der vorigen Woche von 500 v. H. bis auf 412 zurückfielen. Wer als Kleinaktionär bis dahin seine Stücke noch nicht abgestoßen hatte, machte natürlich ein langes Gesicht. Immerhin scheint der Kampf um Cassella noch nicht vorüber zu sein? der Großaktionär (oder die Großaktionäre) scheint noch weiteres Material für seine Pläne zu brauchen? denn inzwischen stieg der Kurs auf neue Käufe hin wieder bis auf 433 v. H. an. Von den großen IG-Farben-Nachfolgern konnten Farbwerke Hoechst vorübergehend einen Gewinn von 7 1/2 Punkten buchen. Hier wirkte die lange dementierte, aber dennoch eingetretene Kapitalerhöhung anregend. Bad. Anilin und Farbwerke Bayer gaben Im Zuge der rückläufigen Allgemeintendenz nach.

Vermutlich wird es an der lustlosen Börsenhaltung gelegen haben, wenn das Bezugsrecht auf die jungen Aktien der Dt. Erdöl-AG den rein rechnerischen Wert nicht erreicht hat. Die Banken waren namentlich am ersten Notierungstage gezwungen, größere Betrage aufzunehmen. Es hat sich gezeigt, daß Gesellschaften mit breit gestreutem Kapital und ohne eigentlichen Großaktionär es mit Kapitalerhöhungen nicht ganz einfach haben werden; denn der Kleinaktionär hat noch nicht wieder so viel „Speck auf den Rippen“, um in jedem Fall neue Aktien zeichnen zu können. Die drei für dieNotierung des Bezugsrechtes angesetzten Tage haben der Verwaltung der Dt. Erdöl-AG bewiesen, daß der Bezugskurs von 110 v. H. gerechtfertigt war. Ein höherer Kurs hätte die Unterbringung sicherlich noch schwieriger gestaltet.

Der Montanmarkt stand trotz günstiger Produktionsnachrichten im Zeichen der Tarifkündigungen im Bergbau, deren Auswirkungen auf die gesamte Schwerindustrie noch nicht abzusehen sind. Bei geringen Umsätzen beliefen sich die Verluste auf 6 bis 8 Punkte. Unter stärkeren Abgaben litten Niederrheinische Hütte (183–170). Die Hauptwerte des Elektromarktes (AEG und Siemens) gaben ebenfalls nach, während Kabelpapiere teilweise beträchtliche Gewinne erreichten. Von den Elektroversorgungswerten mußten HEW wegen der ungeklärten Situation hinsichtlich der unbedingt erforderlichen Kapitalerhöhung erneut sieben Punkte hergeben Bekula war dagegen In Hoffnung auf ein Bezugsrecht um zwei Punkte fester. Für beide Papiere ist die Konzessionsfrage entscheidend, über die zur Zeit in Bonn verhandelt werden soll.

Am Maschinenmarkt war die Tendenz uneinheitlich. Demag konnten einen Teil ihres Kursverlustes wieder aufholen. Der Rückschlag war eingetreten, als die Verwaltung eine Kapitalerhöhung als noch nicht aktuell bezeichnete. Durch den Fall Farbwerke Hoechst, wo ebenfalls ein Dementi in Sachen Kapitalerhöhung vorlag, ist der Wert von Verwaltungsverlautbarungen jedoch sehr in Fragegestellt, so daß die Börse lieber ihre eigenen Wege geht.

Banken waren kaum verändert. Eine Ausnahme bildete die Hamburger Vereinsbank,die von 196 auf 191 zurückfiel, nachdem sich einige Optimisten in der Hoffnung auf eine 10prozentige Dividende getäuscht sahen. Die Aktien der Dt. Golddiskontbank waren angeboten.

Wie bereits erwähnt, hat das Geschäft am Rentenmarkt an Umfang gewonnen. Eine Verlagerung ist insofern eingetreten, als der Schwerpunkt der Umsätze nicht mehr bei den Papieren mit Geldmarktcharakter, sondern bei den 7 1/2- und 8prozentigen Industrieobligationen lag. Die Nachfrage nach 5prozentigen steuerfreien Hypothekenpfandbriefen führte jetzt zu einem nahezu vollständigen Ausverkauf in diesen Werten. Für die neuen 6 l/2- und 7prozentigen Emissionen, die nicht mehr steuerbegünstigt sind, mag die Überparinotierung der 5 v. H. Pfandbriefe ein günstiges Vorzeichen sein. Neuerdings ist auch das Interesse für die alten Reichsanleihen wieder aufgelebt, die zwischen 4,23 und 4,35 v. H. umgingen. -ndt.