Die Liebe im Roman – noch gegenwärtig bei Hamsun, voll sachlicher Romantik noch bei Hemingway – scheint tot zu sein. Was noch nicht besagen will, daß sie in unserem Zusammenleben verlorengegangen ist. Vielmehr scheint es so, als gäbe es in der Kunst Themen, die, „zu Tode geritten“, einer Ruhepause bedürfen.

Tritt die Liebe im modernen Roman auf, endet sie um so sicherer tragisch, je reiner und erfüllter sie erlebt wird. Mag dies auch auf die großen Romane der Weltliteratur zutreffen – etvas Neues ist hinzugetreten: wenn die Liebe im Rcman dargestellt wird, dann nicht mehr isoliert, sondern immer in einem bestimmten gesellschaftlichen Zusammenhang, immer in ihrer sozialen Funktion, ausgesetzt etwa der Erprobung durch den Einbruch des Krieges oder kriegsbedingte Trennung. Oder sie dient als Zentrum eines Rassenproblems, wie in: James A. Micheners „Sayonara“ (Lothar Blanvalet Verlag, Berlin. Übertragen von Egon Strohn. 319 S., 14,80 DM).

Michener ist bei uns durch einen dichten Erzählband aus dem Krieg im Pazifik 1941–1945 „Im Korallenmeer“ und durch seine Novelle aus dem Koreakrieg „Die Brücken von Toko-Ri“ bekannt geworden. In seinem neuen Roman, der von der Liebe eines amerikanischen „Fliegerasses“ zu einer japanischen Schauspielerin erzählt, ist er nun privater geworden, um aber auch hier umfassend zwei Probleme unserer Tage anzupacken: das Verhältnis Sieger–Besiegte und das zweier Rassen.

„Um die Wahrheit zu sagen, mir gefielen die Zustände in Japan nicht mehr, seitdem MacArthur gegangen war...“, denkt Leutnant Gruver, als er den leicht antiamerikanischen Darbietungen jener japanischen Schauspieltruppe beiwohnt, der seine spätere Geliebte angehört und zu der ihn ironischerweise Mrs. Webster, die Generalsfrau und Mutter seiner amerikanischen Verlobten, geführt hat.

Mrs. Websters Einstellung zu den Besiegten ist: „Ich behaupte nicht, daß die Japaner unter uns stehen, aber ich bin der Meinung, daß wir nicht vergessen sollten, wer den Krieg gewonnen hat.“ – Dieser Meinung ist Leutnant Gruver zunächst auch, und er tut sein Bestes, einen Fliegerkameraden daran zu hindern, dem Beispiel von hunderttausend amerikanischen Soldaten zu folgen und eine Japanerin zu heiraten. Warum sie das tun – das ist Gruver ein Rätsel. Und es ist nun reizvoll, zu verfolgen, wie er sich, widerstrebend zunächst, allmählich selbst in das gleiche Problem verstrickt sieht wie seine Kameraden. An der Ehe seiner Eltern, an der seiner zukünftigen Schwiegereltern, ja an der Vorstellung, welche Ehe er mit Eileen, seiner Verlobten, führen wird, erkennt er, was hier fehlt, dort aber, bei den Japanern, verwirklicht wird: eine Liebe nämlich, die nichts ist als echte Liebe, und die sich vielleicht nur in der sanften, aber bestimmten Art kundtut, wie eine Japanerin ihrem Mann sorgsam und ausdauernd den Rücken abschrubbt.

Aber diese Liebe hier muß scheitern. Nein, nicht weil Pinkerton Butterfly verläßt und zu der anderen zurückkehrt. Sondern an den Schlagbäumen, die von der Bürokratie und dem Hochmut der Siegermächte unseres „aufgeklärten“ Jahrhunderts errichtet werden. Und bevor Leutnant Gruver zum Flugplatz gefahren wird, denkt er, der sich von Hano-Ogi trennen mußte: „Ich wußte, daß ich sie wieder vergessen mußte, denn ich mußte mir eingestehen, daß ich in einer Zeit lebte, deren einzige akzeptable Einstellung fremden Ländern und andersfarbigen Völkern gegenüber nicht die Liebe, sondern die Angst war.“

Damit schließt das Buch, ein Buch, dessen sentimentaler Grundton wohltuend aufgehoben wird durch einen saloppen Humor; das zurückhaltend bleibt in der Darstellung des Delikaten; das köstlich ist in den Liebesdialogen zweier Menschen, die verschiedene Sprachen sprechen und sich wortlos verstehen. w. e.

Einem Teil unserer heutigen Auflage liegt ein Buchprospekt „Der Bücherbär“ der Versandbuchhandlung Kurt Braun, Berlin-Friedenau, bei.