Man wird sich gewiß noch der zahlreichen unliebsamen Affären erinnern, in deren Mittelpunkt der frühere Deutsche Mittelgewichtsmeister Peter Müller gestanden hat, der wiederholt wegen grober Verfehlungen gegen die boxsportlichen Regeln gemaßregelt werden mußte, und schließlich nach einem wohlgezielten Hieb, mit dem er ausgerechnet den Ringrichter statt seinen Gegner k. o. setzte, auf Lebenszeit disqualifiziert wurde. „De kölsche Aap“, wie Müller wegen seiner Clownerien im Ringe und seines berüchtigten Rowdytums genannt wird, tröstete sich zunächst mit einem kurzen Gastspiel als Taxifahrer und einem etwas länger dauernden Engagement als Catcher. Dann machte der Verband westdeutscher Faustkämpfer (VWF) den ersten Vorstoß, um ihn, der stets ein Kassenmagnet erster Güte war, wieder in die Arena zurückzuholen. Hilfreich war ein Berliner Rechtsanwalt, der herausgefunden hatte, daß der Bund Deutscher Berufsboxer (BDB) in seinem Beschluß über die lebenslange Disqualifikation einen Formfehler begangen hatte.

Man hatte nämlich entdeckt, daß der Berufsboxerverband gar nicht zuständig für eine Disqualifikation war, sondern vielmehr der westdeutsche Faustkämpferverband, der Müller sofort in seine Rechte wieder einsetzte. Der frühere Deutsche Meister im Schwergewicht, Walter Neusel, meinte seinerzeit dazu: „Meiner Ansicht nach hätte der gesamte Vorstand des BDB einmütig zurücktreten und erklären müssen, daß er mit dieser den Boxsport diffamierenden Rehabilitierung eines unfairen Boxers nichts mehr zu tun haben wolle. Mir ist dieser Schritt des VWF unverständlich.“

Peter Müller ist aber nicht nur ein Boxer eigener Art, sondern auch ein gewiegter Geschäftsmann. Da er bis Ende des vergangenen Jahres hier nur unter einer Notlizenz kämpfen durfte und zudem bis Ende 1956 an keinem Titelkampf teilnehmen kann, fuhr er nach Amerika, um dort sein Glück zu versuchen. In den zweieinhalb Monaten seines Aufenthaltes in USA gelang es ihm, sich zu dem vielleicht meist beschäftigten Boxer heraufzuarbeiten. In allen amerikanischen Ringen ist er ein gern gesehener Gast. Fünf Kämpfe hat er bereits bestritten, drei Siege errungen und zwei Niederlagen hinnehmen müssen, wobei ihm der letzte Mißerfolg gegen Carmen Basilio immerhin noch etwa 12 000 Dollar eingebracht haben dürfte. Allerdings hat er sich in diesem Kampfe einige unangenehme Verletzungen zugezogen, so daß der für Mitte Februar in Aussicht genommene Kampf in Cincinnati vorerst einmal abgesagt werden mußte. Gegen den Kanadier Gordon Wallace muß er auch noch antreten und im März oder April soll die in den Vereinigten Staaten etwas großzügig als „Deutscher Titelkampf“ angepriesene Begegnung mit dem Berliner Hans Streetz in Milwaukee steigen.

Das Boxgeschäft drüben lohnt immer noch. Bei uns hätte Müller lange warten können, ehe er auch nur einen Bruchteil von seinen Einkünften drüben erhalten hätte. Für seine ersten vier Kämpfe hat er nach Schätzungen etwa 21 000 Dollar eingenommen, und wenn die Pläne seines Managers nicht irgendwie durchkreuzt werden, sind ihm weitere 35 000 Dollar sicher. Auch das Fernsehen trägt das seine dazu bei, Geld in Müllers Kasse fließen zu lassen.

„De kölsche Aap“ ist für Nordamerika anscheinend der rechte Mann. Murray Rose, ein bekannter Sportjournalist der USA, meint, daß Müllers ungeheurer Angriffsgeist die amerikanischen Boxsportenthusiasten für ihn begeistert hätten. Die meisten Menschen drüben wollen keine technisch hochstehenden Kämpfe mehr sehen, sondern pausenloses Schlagen, Niederschläge und am liebsten natürlich Knockouts. Müller kommt ihnen da wie gerufen, und die Zuschauer toben vor Vergnügen, wenn er seine dummen Späße macht, Kußhändchen zum Publikum hinüberwirft, seinem Gegner nach Rundenschluß gutmütig auf den Kopf klopft oder den Ringrichter umarmt. Den deutschen Sportanhängern jedoch hat jene „Umarmung“ des armen Ringrichters Max Pippow genügt, der daraufhin mit einer Gehirnerschütterung in ein Krankenhaus eingeliefert werden mußte. W. F. Kleffel