In der Ablösung des Landes Nordrhein-Westfalen aus dem Verband des Nordwestdeutschen Rundfunks, die mit dem 1. Februar in Kraft tritt, sieht die Öffentlichkeit mit Recht weniger einen organisatorischen als einen politischen Vorgang. Das von einer „bürgerlichen“ Koalition regierte größte deutsche Bundesland nahm bereits seit Jahren Anstoß daran, daß der von den Engländern mit der Funkhoheit in ihrer früheren Zone ausgestattete NWDR eine der Sozialdemokratie zuneigende Generaldirektion hatte und das Kölner Funkhaus nur als eine Art Filiale behandelte. Angesichts der Tatsache, daß die Mehrheit der deutschen Rundfunkanstalten von Intendanten geleitet werden, die der SPD nahestehen, kommt der Neugründung des Westdeutschen Rundfunks eine symptomatische politische Bedeutung zu. Der Vorgang hat bereits auch als eine Art „freiwilliger Demontage“ einer überregionalen Einrichtung Kritik gefunden.

Wenn am 1. April der Rundfunkhörer, der im bisherigen Sendebereich des NWDR wohnt, sein Gerät anstellt, wird er den Ansager zum erstenmal sagen hören: „Hier ist der Westdeutsche Rundfunk Köln,“ Dies allerdings nur für den Fall, daß die Woche des 1. April eine Kölner Programmwoche ist. Andernfalls wird er den Ansager aus Hamburg sich mit der altgewohnten Formel melden hören: „Hier ist der NWDR Hamburg“, und erst in der darauffolgenden Woche käme dann die Stimme aus Köln mit der neuartigen Formel zu ihm.

Am 12. Mai vorigen Jahres hatte der Landtag in Düsseldorf die Gründung einer eigenen Rundfunkanstalt beschlossen. Eben jetzt, zum 1. Februar, ist der entscheidende Schritt zur Realisierung getan worden: die britische Oberkommission hob jene Verordnung 118 auf, die unter dem Besatzungsstatut den NWDR als alleinige Rundfunkanstalt für alle Länder der ehemaligen britischen Zone eingesetzt hatte. Bis zum 1. April sollen alle die statutengemäßen Prozeduren und Wahlen erledigt sein.

Doch diese zwei Monate werden kaum genügen, um auch für den Restbestand des NWDR eine entsprechende Nachfolgeanstalt ins Leben zu rufen. Zwar haben die Länderchefs von Niedersachsen, Schleswig – Holstein und Hamburg sich über den Entwurf eines Staatsvertrages geeinigt, der die Errichtung des Norddeutschen Rundfunks (NDR) vorsieht und seine Satzung im einzelnen festlegt. Aber dieser Vertrag muß erst noch von den Parlamenten der drei Länder durchberaten werden, und ob dieses Verfahren bis zum 1. April abgeschlossen sein kann, ist schon darum zweifelhaft, weil die für Ende April bevorstehenden Landtagswahlen in Niedersachsen sich am Horizont bemerkbar machen. Bevor der Ansager sich mit den Worten „Hier ist der Norddeutsche Rundfunk“ melden kann, muß aber nicht nur der Vertrag geschlossen sein. Nach dem Entwurf des Staatsvertrages müssen dann zuerst die Parlamente nach den Grundsätzen der Verhältniswahl (also im Parteienproporz) den 24köpfigen Rundfunkrat wählen, der zwölf Mitglieder aus Niedersachsen und je sechs aus Schleswig-Holstein und Hamburg umfassen wird. Dann hat dieser Rundfunkrat den achtköpfigen Verwaltungsrat (auch hier die Hälfte aus Niedersachsen) zu wählen, und dieser wieder den Intendanten und seinen Stellvertreter (und zwar mit mindestens sechs Stimmen, also mit Dreiviertelmehrheit).

Somit wird der Rumpf-NWDR noch eine ganze Weile nach der organisatorischen Abspaltung der neuen Anstalt weiter in Betrieb bleiben müssen. Für den Hörer allerdings geht auch dann das Programm weiter wie bisher, mal aus Köln, mal aus Hamburg oder Hannover, und auch die Einnahmen aus den Hörergebühren fließen ununterbrochen weiter – zu 57 v. H. nach Köln, zu 43 v. H. nach Hamburg. Eines Tages im Sommer dieses Jahres wird aber wohl alles erledigt sein, und der Hörer hört dann auf Mittelwelle abwechselnd den Westdeutschen und den Norddeutschen Rundfunk. Dann ist der NWDR „gestorben“.

Man hat den NWDR in seiner bisherigen Struktur einen „Besatzungsbastard“ genannt – eine etwas unfreundliche Bezeichnung, mit der aber etwas Zutreffendes gesagt werden sollte: Nach 1945 war zu entscheiden, ob der deutsche Rundfunk wieder zu seiner dezentralisierten Form von vor 1933 zurückkehren sollte – einer Form, die sich seinerzeit bewährt hatte. Die Amerikaner waren für Dezentralisierung und errichteten die Funkanstalten in München, Stuttgart, Frankfurt und Bremen. Die Franzosen schufen für ihre Zone nur eine Anstalt, den Südwestfunk in Baden-Baden, der aber durch drei recht aktiv am Programm mitwirkende Studios in Freiburg, Mainz und Tübingen die regionalen Interessen von Südbaden, Rheinland-Pfalz und Südwürttemberg von vornherein berücksichtigte und sich auch nach dem Übergang in deutsche Hand überzeugend im deutschen Südwesten behaupten konnte. Die Engländer dagegen trieben für ihre Zone, obwohl diese sehr viel volkreicher war als die französische, einen strikten Zentralismus. Der NWDR, den sie einsetzten, war eine Art Einheitsrundfunk für halb Deutschland – also eben das, was man einen „Bastard“ nennen kann.

Gewiß erwiesen sich bald Gabelungen als nötig, und im Laufe der Jahre wurde aus unsicheren Anfängen das zweite NWDR-Funkhaus Köln unter seinem ungemein energischen Intendanten Hanns Hartmann zu einem vollgültigen Partner des zunächst führenden Hamburger Hauses. Das dritte Haus in Hannover hat erst neuerdings größere Selbständigkeit bekommen. Aber die regionalen Studios (in Flensburg, Oldenburg, Dortmund und Düsseldorf) wurden auch nicht entfernt so stark für das Mittelwellenprogramm aktiviert wie diejenigen im Südwesten.