Niedersachsens Wahlkampf für die Landtagsneuwahlen am 24. April begann mit einem Paukenschlag, der über die Landesgrenzen hinaus ein Echo gefunden hat. Schauplatz der gewollten Überraschung war eine Wahlversammlung der hannoverschen FDP, die eigens ihren streitbaren Stuttgarter Parteifreund Dr. Reinhold Maier als Redner herbeigerufen hatte. Noch hatte Maier, mit Beifall begrüßt, im Alten Rathaus nicht Platz genommen, als sich der Beifall wiederholte: Niedersachsens sozialdemokratischer Ministerpräsident Kopf, mit neun Dienstjahren Rangältester unter seinen bundesrepublikanischen Kollegen und gegenwärtig Chef einer SPD/BHE-Koalition, erschien, um seinen „alten Freund“ Reinhold Maier zu begrüßen. Dieser zeigte sich sogleich als Herr der Situation: „Trotz aller Parteiunterschiede“ sei er erfreut, „seinen alten Mitstreiter“ Kopf im Kreis der Zuhörer zu sehen. Während Reinhold Maier die Außenpolitik Adenauers in die Zange nahm, genoß Kopf seine Zigarre und das Erstaunen vieler Mitglieder der FDP, die mit CDU und DP im Burgfrieden lebt, „um die sozialistisch geführte Regierung in Niedersachsen abzulösen“.

Eine andere Wahlbombe hat Kopf, der nicht von vornherein darauf vertraut, daß seine Koalition auch nach der Wahl noch regierungsfähig sein wird, in Oldenburg gelegt. Das bürgerliche Lager war nicht schlecht überrascht, als kürzlich entgegen jeder Übung niedersächsischer Personalpolitik der Direktor der Land wirtschaftskammer Weser-Ems, Dannemann, der Zugleich Bundestagsabgeordneter der FDP ist, als Nachfolger des nach Bonn versetzten Verwaltungsbezirkspräsidenten Dr. Koch nach Oldenburg berufen wurde. Dem Oldenburgischen Landesbund, der schon seit langem gegen das zu „zentralistische Regime“ in Hannover wettert, ist durch die Ernennung Dannemanns, eines tatkräftigen Förderers oldenburgischer Eigenständigkeit, viel Wasser abgegraben worden. Daß die Ernennung Dannemanns nur als Alibi im Wahlkampf dienen soll, um nämlich Angriffe auf die sozialdemokratische Personalpolitik der Regierung Kopf abzuwehren, darf man bezweifeln. Ministerpräsident Kopf gibt auch sonst, zum Beispiel neuerdings durch die Auswahl seiner Jagdgesellschaften, zu erkennen, daß ihn die FDP stärker interessiert als bisher. Sollte das Beispiel Bayerns so starken Eindruck auf ihn gemacht haben?

Der äußerlich so joviale niedersächsische Regierungschef ist ein kühler und geschickter Taktiker. Das wird sich zeigen, wenn es darum geht, die bestehende Koalition zu erhalten und, falls das Wahlergebnis das nötig macht, zu erweitern. Seine Wahlauguren im Innenministerium sollen festgestellt haben, daß SPD und BHE zusammen nur auf 48 v. H. der Stimmen zu rechnen haben, also ungefähr auf die Hälfte der Landtagssitze. Doch wird bei der Berechnung der bürgerlichen Chancen schon das Handicap hoch veranschlagt worden sein, daß der CDU, der FDP und der DP durch den Verzicht auf eine Fünfprozentklausel droht, für den die SPD/BHE-Mehrheit im Wahlgesetz gesorgt hat. Schon jetzt zeigen die vielen kleinen Parteien, die in den letzten Wochen rund um Hannover aus der Erde schossen, daß der Ehrgeiz besteht, zu einer von der SPD gewünschten möglichst „breiten Streuung“ bürgerlicher Stimmen beizutragen.

Die bürgerlichen Gruppen sind angesichts der Gefahr, die diese Entwicklung für sie in sich birgt, nicht untätig. Schon in Kürze wird der Landtag sich mit einem Antrag der FDP zu befassen haben, der durch Einfügung einer Dreiprozent-Sperrklausel in das Wahlgesetzt wenigstens der ärgsten Zersplitterung Schranken setzen will. H. R.