Der alte Neger hat keine unmittelbaren Beziehungen zu dieser Geschichte, aber er war der Ausgangspunkt, deshalb darf ich ihn nicht übergehen. Ich hatte am Hafen gemalt, zwischen Ballen von blondem Hanf, Apfelsinenkisten und Säcken mit geheimnisvollen Aufschriften. Ich war dann heimgegangen unter Farben, Lärm und einem Frühlingshimmel, wie verwaschene Schantungseide. Zu Hause mußte ich Lucienne von allem erzählen, von unbekannten Flaggen, kreischenden Winden und den glitzernden Fischen, die aus den Körben quollen.

„Die armen Fische!“ sagte Lucienne und sah traurig in die Pfanne, in der sie ein Omelett buk. Ich aber berichtete weiter und kam, ohne Böses zu ahnen, auf den alten Neger, der traurig auf einem Poller gesessen und den faltigen Kopf mit dem weißen Kräuselhaar an der letzten Sonne gewärmt hatte. Lucienne war ganz still und besah den verbeulten Zinnlöffel, der in ihren Händen eingeschlafen war, dann fragte sie: „Hat er geweint?“

Es wäre nun so leicht gewesen, ja oder nein zusagen, das hätte sie eine Weile entweder froh oder traurig gestimmt, die Sache aber schließlich zu einem Abschluß gebracht, der ihrer Bedeutung zukam. So aber gestand ich in alberner Genauigkeit, ich könnte Bindendes hierüber nicht aussagen, worauf sie sich von mir abwandte, um stumm unter meiner Oberflächlichkeit zu leiden. Darauf versprach ich ihr, den Fall am nächsten Tag mit ihr zusammen genau zu überprüfen, womit ich erreichte, daß sie aus dem letzten Mehl und der allerletzten Margarine anfing, einen Kuchen zu backen, um ihn dem alten Neger (falls er weinen sollte) zu schenken.

In der Stille, die nun folgte, war es, daß Lucienne plötzlich den Finger an den Mund legte (Kenner sagen, es sei ein besonders aufregender Mund) und in gespannter Haltung lauschte, wobei sich ein deutliches Grauen auf ihren Zügen abzeichnete. Es gab keinen Zweifel: Da vergnügte sich eine Maus im Zimmer. Ich versuchte, sie von dem freundlichen Charakter dieser Tiere zu überzeugen, bekam aber nur den Auftrag, eine Falle zu besorgen, und zwar eine solche, in der das Tier nicht getötet, sondern lediglich dingfest gemacht und nachher wieder entfernt werden kann.

Ich mußte weit laufen, weil die Beziehungen zu allen benachbarten Geschäften wegen nicht abgegebener Bierflaschen und unregelmäßig bezahlter Rechnungen getrübt waren. Ich brachte schließlich eine Falle, aber eine solche, die mit starker Feder der Maus ein scharfes Metall in den Nacken treibt und ihr so die Wirbelsäule bricht. Ich fand Lucienne in heiterer Stimmung. Sie war schon allein an den Hafen gegangen und hatte den alten Neger tatsächlich gefunden. Im Laufe der Unterhaltung hatte er sich als der Inhaber der Bakahanga-Bar herausgestellt, eines sehr beliebten Etablissements (besonders bei der Polizei). Geweint hatte er nicht. Aus Freude darüber hatte sie ihm den Kuchen dagelassen, den er auch ohne nennenswerten Widerstand entgegengenommen hatte. Um ihren Frohsinn nicht zu trüben, sagte ich ihr nichts vom Mechanismus der Falle, den sie aus eigener Kraft niemals hätte erfassen können. Ich montierte das Gerät an einer geeigneten Stelle und rieb von den Ecken des Zimmers mit einer Speckschwarte Aromastraßen sternförmig auf sie zu. Anderentags empfing mich Lucienne mit einem Gesicht, das Überraschungen verhieß. Die Falle war fort. Mein erster Gedanke sagte mir natürlich, daß die Maus gefangen sei, aber nein: Lucienne hatte sie gesehen! Mittags, als sie mit angezogenen Beinen auf dem Teppich gehockt und gelesen hatte, war das Tier in aller Ruhe an ihr vorbei und auf die Falle zugeschlendert. Sie hatte einen lauten Schrei ausgestoßen (mehrfach machte sie mir vor, wie laut der Schrei gewesen war), nicht etwa vor Schreck (sie ist leider gar nicht schreckhaft), sondern um die Maus zu bewegen, auf die Falle zu verzichten und lieber in ihr Haus zurückzugehen, denn – und nun kam es – sie war gesegneten Leibes! Ganz bestimmt!

Es kamen Tage froher Erwartung. Ich hatte Auftrag, in allen Büchereien über Lebensgewohnheiten, Nahrung, Entbindungshilfe und Wochenpflege von Mäusen zu forschen. Viele Tage verbrachten wir nun damit, Hypothesen aufzustellen, wie groß wohl neugeborene Mäuse sein könnten. Ich mußte einige Hundert aus Knetmasse formen, die ihr immer noch nicht klein und vor allem noch nicht niedlich genug waren. Bis Lucienne zum Schluß ein Format billigte, das auch ohne Lupe kaum wahrzunehmen war.

Ich glaube, Mäuse nehmen keine Hilfe bei der Entbindung an, vielleicht brauchen sie auch keine. Mir war es lieb, einmal hätte ich mich sicher sehr unbeholfen angestellt, und dann wäre es mir auch peinlich gewesen. Ich vertraute auf die Diskretion, die diese Tiere den Menschen gegenüber auszeichnet. Das war berechtigt. Alles wurde im stillen erledigt. Als ich nach Tagen unerträglicher Spannung eines Abends die Tür öffnete, empfing mich Lucienne mit glänzenden Augen. Sie hatte die Maus erneut gesehen, mittags, beim Lesen auf dem Fußboden, wie sie die von uns für sie angelegten Verpflegungsdepots in den Ecken abgegangen war, gefolgt von fünf wonnigen Mausekindern.