Von Wolfgang Koeppen

Was glauben Sie, geschieht mit denen, die keine „Künstler sind?“ So fragt E. E. Cummings in der Einführung zu seinem Roman

„Der endlose Raum“. Victoria Verlag, Stuttgart, 15,80 DM.

Und er antwortet: „Ich glaube, nichts wird aus ihnen: Ich glaube, nichts geschieht mit ihnen; ich glaube, das Nichts wird aus ihnen.“ Das Nichts ist bei Cummings „diese unsere sogenannte Welt“. Der einzelne, der Künstler muß sich gegen sie stellen. „Als ich an diesem Buche arbeitete, beschäftigte mich ein winziger Teil von etwas, das unsagbar weit entfernt liegt – weiter als jede Sonne; etwas unvorstellbar Riesiges – größer als das Universum: das Individuum. „Der einzelne, der Künstler, das Individuum, das sind uns verdächtige, ein wenig antiquiert klingende (oder schon wieder allzu neue) Vokabeln, das könnte an den Schlapphut Max Stirners oder an die kühn geknüpfte Flatterschleife, an den bedeutungsvoll geschnittenen Bart einer L’art pour l’art-Boheme erinnern, aber wenn man das Buch gepackt, gebannt, verschlungen hat, weiß man, daß Cummings den Menschen meint und daß er unser Anwalt in einem noch nicht entschiedenen Prozeß ist, in dem um unsere Freiheit, um unseren aufrechten Gang gerungen wird.

„Der endlose Raum“ ist schon 1922 in Amerika erschienen und hat merkwürdigerweise zweiunddreißig Jahre gebraucht, um zu uns zu kommen. „Der endlose Raum“ ist ein Kriegsroman, aber er beschäftigt sich nicht wie das etwas früher geschriebene Buch von Barbusse mit dem Feuer. Cummings Roman war moderner als „Le feu“ von Barbusse, er war auch neuartiger als die Kriegsromane von Dos Passos, Owen, Sassoon und Remarque, er war sogar Hemingsways „In einem anderen Land“ voraus. Cummings schildert nämlich in seinem Roman aus dem ersten Weltkrieg, eine Erfahrung, die eigentlich dem zweiten Weltkrieg angehört und erst in ihm allgemein wurde. Ein amerikanischer Kritiker sagte über Cummings: „Er durchlebte den Krieg auf einem niedrigeren Niveau, dort, wo die Schlagworte zur Farce, die Realität beklemmender und die großen Bewegungen der Armeen beinahe irreal wurden. Das ungeheure Zimmer (der Roman heißt im Original „The Enormous Room“) war eine Konzentration des Krieges.“ Mit anderen Worten: das ungeheure Zimmer war ein Konzentrationslager.

Edward Estlin Cummings war sehr jung, als er den „Endlosen Raum“ schrieb. Er ist heute einer der großen Lyriker Amerikas. Und „The Enormous Room“, sein erstes Buch, sein früher Roman ist auch aus einem starken lyrischen Gefühl entstanden.

Dies lyrische Gefühl stieß 1917 mit der Wirklichkeit zusammen. Mit einer abscheulichen und eigentlich unglaublichen Wirklichkeit. Cummings diente als Freiwilliger in dem vornehmen Norton-Harjes-Ambulance-Corps. Das Corps, eine amerikanische Stiftung, bestand aus Studenten und anderen Söhnen reicher Eltern; sie holten in ihren Automobilen die Verwundeten von den französischen Schlachtfeldern. Den jungen, freiwillig dienenden Amerikanern war es, wenigstens in Cummings Abteilung, verboten, mit den Franzosen, denen man helfen sollte, zu fraternisieren. „Jungs, laßt die Finger von den dreckigen Franzosen“, hatte der Chef befohlen. Cummings und sein Freund Slaton Brown empörten sich gegen diese Anweisung, verbrüderten sich mit den Poilus und führten mit ihnen, die den Grabenkampf kannten, Gespräche, die den Amerikanern etwa noch vorhandene Illusionen über das Weltverbrechen des Krieges nahmen. Slaton Brown schrieb einen Brief nach Hause, der in die Hände der französischen Militärzensur fiel und von ihr als defaitistisch empfunden wurde. Cummings und Brown wurden verhaftet und ohne Richterspruch in ein Konzentrationslager übergeführt.