Auf Veranlassung von Max Brod, Mitverfasser eines Schauspiels Shin Shaloms, ist es ermöglicht worden, Shaloms Prosawerk „Galiläisches Tagebuch“ in deutscher Übersetzung erscheinen zu lassen, die Anna Nußbaum besorgt hat. Ihre Übertragung liest sich wie das Originalwerk eines deutschen Autors, der lediglich ein exotisches Milieu für die Darstellung erwählt hat. Durch diese Herausgabe lernt die deutsche Leserschaft erstmalig einen führenden Dichter Israels kennen, einen Repräsentanten der Aufbruchsdichtung des jungen Staates, der auch auf kulturellem Gebiet alle Kräfte dafür einsetzt, im Konzert der Völker seine Stimme zu erleben, dies neue hoffnungsvolle Lied eines uralten Volkes auf biblischer Erde!

Shin Shalom: „Galiläisches Tagebuch“, Drei Brücken Verlag, Heidelberg, 164 S., 8,80 DM.

Shin Shalom gehört zu jener Gruppe der in Israel lebenden Schriftsteller und Dichter, die als die Generation des Durchbruchs“ bezeichnet wird. Sie hat die beengenden Fesseln des Ghettos gesprengt, der sektiererhaften Isolierung im Exil, jener Verbannung, die nun überwunden ist. Im Altmeister Chaim Nachum Bialik (1934 in Wien verstorben) fand die neuhebräische Dichtung, bevor der politische Zionismus seinen Sieg erfocht, durch die Gründung des Staates Israel ihren Wegbereiterund Klassiker, dessen Lebenswerk für das Aufblühen neuhebräischer Dichtung bestimmend ist. Bialiks Name ward zum Symbol für die Regeneration des Judentums, für das Wiederaufleben des Zionsgedankens, für die Neugeburt eines durch Verfolgungen dezimierten und heimgesuchten Volkes.

Aus dem Osten Europas, aus Polen, führte der Lebensweg Shin Shaloms den Siebzehnjährigen nach Israel, der wahren Heimat seines Geistes, die er in seiner Lyrik verherrlichte, wie einstmals der spanisch-jüdische Dichter Jehuda Halewy. Seine Familie stand unter dem Einfluß des Chassidismus, dieser in den Alltag übergreifenden Frömmigkeit, welche eine tiefe Verwandtschaft mit den Glaubenslehren christlicher Mystiker aufweist. In seiner Lebensintensität widerspiegelt der Chassidismus die Zuversicht auf die Göttlichkeit aller Taten und Gedanken.

Shin Shalom, der heute Fünfzigjährige, kann auf eine Reihe großer, künstlerischer Erfolge zurückblicken, die seinen Namen in der Nationalliteratur befestigt haben. Drei Dichterpreise sind ihm. zugefallen, darunter der Tschernichowsky-Preis für seine Übersetzung der Sonette Shakespeares ins Neuhebräische. Einer seiner Gedichtbände trägt den bezeichnenden Titel „Wir waren wie im Traum“, Ja, wie im Traum, dieser magischen Erhöhung profaner Wirklichkeit, liest man das nun herausgekommene „Galiläische Tagebuch“, das bei aller Ichbezogenheit des Erzählers dennoch etwas Allgemeines aussagt, denn hier ist die Subjektivität zur selbstlosen Objektivität erweitert worden. Was geschieht? Eine Liebesgeschichte wird berichtet, zwischen einem jüdischen Lehrer und Lejna, dem Arabermädchen, weiter nichts. Und doch wird eine ganze Welt des Schmerzes, des Aufruhrs, in Bewegung gesetzt! Denn diese Liebe, umdroht vom Haß vom Bann, vom Aberglauben, zerbricht im Konflikt zwischen Arabern und Juden; im Unterliegen jedoch zeigt sich erst ihre Größe und Erhabenheit. Shin Shalom ist auch in der Prosa Lyriker. Alles verklärt er durch die leiseste Berührung. Wie ein anderer Eichendorff, ins Asiatische verpflanzt, vermag er selbst die tragischsten Spannungen durch die Innigkeit und Tiefe des Herzenstones auszusöhnen. „Der“ dunkle Strom des Lebens folgt den Bahnen des Blutes. Der Puls schlägt im Takt mit dem Leben. Ich fühle eine bittere Süße. Ich könnte weinen. Aber ein Bote des Lebens bin ich, und ich hasse Tränen.“ Der Auftakt des Tagebuches ist Idylle. Aber der Krieg schlägt hinein, verwandelt die Seelen, macht die Hände der Arbeit zu Werkzeugen des Mordes. Shin Shalom leidet unterm Zwiespalt der Gefühle; wohl liebt er sein Volk, wie er sein Schicksal liebt, doch die animalischen Abgründe der Seele fordern seinen Trotz, seine Empörung. „Warum, Gott, bist du so fern, warum verbirgst du dich, wenn wir leiden?“

Shin Shalom liebt aber das Leben. Diese Freude am. Dasein gibt seinem Werk die Grundmelodie, gar ergreift, Der Dichter kennt ein Lebens- und Liebesglück seltener Art, ganz unabhängig von den Erfüllungen. Darum ist sein „Galiläisches Tagebuch“, trotz der Düsterkeit des Stoffes, der an brutalem Realismus nichts zu wünschen übrigläßt, das Werk eines Verliebten. Sein Siegesgang durch die europäische Literatur ist ihm gewiß. Shin Shaloms Dichtung ist ein Lobgesang auf die Liebe des Menschen, die alles Unglück überdauert,

Martin Sternschein