Sein Leben von ihm selbst erzählt II. Mit dem Rohrstock erzogen – Kunstschüler in Dresden

In dem ersten Teil unseres Vorabdruckes aus der demnächst im Rowohltverlag erscheinenden Selbstbiographie des Malers George Grosz, der seit 1932 in New York lebt, erzählte Grosz seine Jugenderlebnisse in der hinterpommerschen Kreis- und Husarengarnisonstadt Stolp. Er schloß mit der Beschreibung eines abendlichen Spazierganges am Stadtrand, wo der Schüler George einen Freund besuchen will. Copyright Rowohlt-Verlag

Ich glaubte, mein Freund sei zu Hause. Ich wollte mich nach Indianerart anschleichen, und es fügte sich, daß eine große Weinkiste vor dem erleuchteten Fenster stand, hinter dem ich meinen Schulkameraden vermutete. Ich stieg also behutsam auf die Kiste. Drinnen brannte eine große Petroleumlampe und beleuchtete die rote Plüschdecke auf dem Tisch und ringsum Teile des Zimmers. Ich merkte plötzlich, daß es nicht das Zimmer meines Freundes war. Natürlich – es war das nebenan. Ich hätte in der Dunkelheit nicht recht gesehen. Dies mußte ein Schlafzimmer sein, denn die Lampe beleuchtete den Teil eines Bettes. Eine merkwürdige Spannung erfaßte mich. Ich hatte das Gefühl, auf verbotenen Wegen zu wandein. Vergessen waren die Indianerbücher. Etwas Triebhaftes in mir ergriff mich wie eine Schwäche, als ich plötzlich bemerkte, daß eine Frau im Zimmer war. Ich erkannte sogleich die Tante meines Freundes, die aus der Großstadt gekommen war und im Geschäft seines Vaters half. Eine unbegreifliche Lust der Neugier packte mich. Ich muß ungefähr vierzehn Jahre alt gewesen sein – halb noch ein Kind, aber halb schon dabei, mich in einen Jüngling zu verpuppen. Wie mit kleinen glühenden Nadeln festgepiekt, von einer mir noch unbekannten Leidenschaft getrieben, stand ich und beobachtete die Frau.

Meines Freundes Tante ging hin und her, trat in den Lichtkreis der Lampe, zog einen Stuhl her-; an, setzte sich und machte sich vor einem Spiegel, den sie näher heranrückte, an ihrem Gesicht zu schaffen. Sie lehnte sich zurück, reckte die Arme, begann dann an ihrer Bluse zu nesteln. – Mein Gott, dachte ich, mein Gott, mir wurde ganz schwach, denn ich hatte noch niemals eine entkleidete Frau gesehen, außer auf Bildern, und das war ja doch nur Papier ...

Die Tante meines Freundes war eine volle Erscheinung, etwas über Mittelgröße, mit dunklem Haar, das in einer Kronprinzessinnenfrisur um ihren Kopf lag. Ich stand wie festgefroren. Um mich war kein Laut.

Mir war fast fiebrig zumute. Es war wie eine Verzauberung. Wie kam es nur, daß diese achtbare bürgerliche Dame plötzlich so seltsam wirkte? Hatte sie sich verwandelt? Ich erkannte die Tante meines Freundes kaum wieder, wie sie dort unbefangen im Evakostüm hantierte. Ich konnte von dem Bilde nicht loskommen.

Verstört kam ich zu Hause an. Das Bild der achten, rubensartigen Frau ging mir nach, und ich habe bis heute diesen ersten Eindruck nicht überwunden. Ich wollte ihn auch gar nicht überwinden. Und wenn ich heute male, so sehe ich hin und wieder jenes Bild im lampenerleuchteten Zimmer. Es war, als hätte mir jemand, den ich nicht kenne, ein Sinnbild gezeigt, etwas Ewiges.