Als ihm der Bundeskanzler das Amt des Bundestagspräsidenten anbot, lehnte Gerstenmaier zuerst ab. Tat er es, weil ihn sein politischer Ehrgeiz in eine andere Richtung drängte, wie man sich erzählte? Scheute er den sich aufdrängenden Vergleich mit der souveränen Geschäftsführung seines Vorgängers, der mit seiner Schlagfertigkeit, seinem immer paraten Witz, seinen knappen, treffenden Formulierungen ein Vorbild geschaffen hat, das auch jeder andere, den die CDU vorgeschlagen hätte, nicht erreicht haben würde? Oder fühlte Gerstenmaier, das es einem so leicht erregbaren Manne wie ihm schwer werden mußte, sein Temperament zu zähmen, wie es dieses hohe, der Parteinahme entrückte Amt verlangt? Wer ihn gesehen hat, wie er manchmal die Zügel der Mäßigung verlor: mit rotem Kopf, energisch gestikulierend, den scharfen, funkelnden Blick hinter den Brillengläsern kampflustig auf den Gegner gerichtet, hingerissen von der Sucht, zu treffen – der kann verstehen, daß es diese Kampfnatur nicht leicht über sich bringen wird, die Arena zu meiden, wenn es um eine Sache geht, an der sein Herz hängt. "Diese Selbstzucht wird eine gute Schule für ihn sein", sagen seine Freunde. Auch sie bekommen manchmal seine ungestüme Art zu fühlen, die ihm viele Gegnerschaften eingetragen hat. Er kann sehr liebenswürdig sein, aber er ist nicht beliebt. Das war wohl neben der ungeschickten Vorbereitung seiner Wahl der Grund, weshalb er erst im dritten Wahlgang und mit so knapper Mehrheit zum Bundestagspräsidenten gewählt wurde.

Diesem Mann fällt es seiner Natur nach schwer, politische Toleranz zu üben, so gern er auch von ihr spricht und schreibt, und so ehrlich er sie in der Theorie bejaht. Aber daher ist er auch seiner Überzeugung im Nazireich so furchtlos treu geblieben. Schon in den ersten Jahren des Dritten Reiches wurde er wegen "Anstiftung zum bewaffneten Aufruhr" verhaftet. Nur eine Amnestie rettete ihn vor der Verurteilung. Das schreckte ihn nicht ab, seine Beziehungen, die er sich im Außenamt der Evangelischen Kirche zu den Kirchen Amerikas, Englands und der skandinavischen Länder geschaffen hatte, auch während des Krieges illegal aufrechtzuerhalten und mit deren Unterstützung unterirdisch KZ-Insassen, Juden und anderen Verfolgten zu helfen. In den letzten Jahren der Hitler-Herrschaft gehörte er zum sogenannten Kreisauer Kreis des Grafen Helmut von Moltke, eines der leidenschaftlichsten Widerstandskämpfer. Am 20. Juli 1944 war Gerstenmaier unter den Verschworenen in der Bendlerstraße. Dort wurde er verhaftet. Moltke und mehrere andere seines Kreises wurden gehenkt. Gerstenmaier kam ins Zuchthaus, aus dem ihn die Amerikaner nach ihrem Einmarsch befreiten.

Gerstenmaier kam trotz früher Neigungen spät in die praktische Politik. Aus einer kinderreichen Familie kommend, mußte er das Gymnasialstudium in Stuttgart noch vor der Reifeprüfung abbrechen. Er ging in eine kaufmännische Lehre. Acht Jahre arbeitete er in diesem Beruf, vorwiegend in der Textilbranche. Dann holte er das Abitur nach, wurde Philosophiestudent in Tübingen und studierte später in Rostock Theologie. 1936, bereit; 30 Jahre alt, promovierte er mit einer Arbeit "Kirche und Schöpfung". Die NSDAP machte ihm die Ausübung einer Dozentur an der theologischen Fakultät der Universität Berlin unmöglich. So kam er in das Außenamt der Deutschen Evangelischen Kirche in Berlin als Referent für ökumenische Beziehungen.

In den Bundestag kam er im Jahre 1949 als Abgeordneter der CDU für den Wahlkreis Backnang-Schwäbisch Hall. Über den Europarat wuchs er immer mehr in außenpolitische Aufgaben hinein. Im neuen Bundestag übernahm er die Leitung des Auswärtigen Ausschusses. Nachdem er vor Jahren der Politik des Bundeskanzlers eher skeptisch zögernd gegenübergestanden hatte, wurde er später ihr leidenschaftlicher Vorkämpfer.

Es steckt ein starker Wille in diesem Mann. Klein, untersetzt, immer aufrecht in seiner Körperhaltung, macht er den Eindruck einer zielbewußten Persönlichkeit. Er geht an die Dinge zäh und gründlich heran, wie er es wohl von seinen Ahnen, die als Bauern-Schultheißen auf der Rauhen Alb saßen, geerbt hat. Hat er sich einer Sache verschrieben, dann bleibt er ihr mit der ganzen Leidenschaftlichkeit seines Herzens treu. So wurden ihm die Integrationspolitik und die zu ihr gehörende Europäische Verteidigungsgemeinschaft Herzenssache. Auf dem Parteitag der CDU in Köln pries er die EVG als "unsere bewußte und gewollte Alternativlosigkeit". Kein gutes Rezept für einen Außenminister, aber wohltuendes Zeichen eines beständigen Charakters. Gerstenmaier brachte es nicht über sich, so fix wie andere in seiner Fraktion den neuen Weg sogar als den besseren als den der EVG zu loben. In Straßburg, Bonn und kürzlich noch in Bad Boll hörte man in seinen Reden die Enttäuschung über das Scheitern der Europapläne grollen. Er wird dieses Ziel nicht aufgeben. Er wäre vermutlich einer der letzten, die davon abließen.

Zum Leiter des Evangelischen Hilfswerks wurde er auf der Konferenz in Treysa im August 1945 gewählt. Er entwickelte das Hilfswerk zu einer der größten Wohltätigkeitsorganisationen Deutschlands. Geschäftig reiste er werbend durch einen großen Teil der westlichen Welt. Daß Deutschland in jenen ersten schrecklichen Nachkriegsjahren so viel Hilfe aus dem Ausland, besonders aus den Vereinigten Staaten von Amerika, erhielt, ist zu einem guten Teil das Verdienst Gerstenmaiers. Er organisierte auch Kinderspeisungen, Ferienaufenthalte für die Ärmsten; das Hilfswerk nahm sich der Vertriebenen, der Kriegsgefangenen, der "Kriegsverbrecher" an. Und hinter all diesen Aktionen merkte oder vermutete man Gerstenmaiers Aktivität. Manchen war dieser Oberkonsistorialrat zu aktiv und geschäftig.. Sie nannten ihn spöttelnd den "schwäbischen Großkaufmann der Evangelischen Kirche". Und als es dann, wie es sich bei so großen Organisationen, gar in einer Zeit bitterster Not, kaum vermeiden läßt, zu Transaktionen kam, die einige Schatten auf die geschäftliche Arbeit des Hilfswerks fallen ließen, wurde Gerstenmaier damit in Zusammenhang gebracht. Zeitweise schien seine politische Stellung dadurch beeinträchtigt zu sein. Aber das ging vorüber wie so manches im politischen Leben der Nachkriegszeit. Robert Strobel