Nachdem vor acht Wochen das brillante Feuerwerk schöner Reden über den Welthandel von morgen aus „verantwortlichen Mündern“ in Genf verschossen worden war, wurde es um die GATT-Konferenz ruhig. Ihr Hauptinhalt – die Revision des GATT im Lichte eines von allen Währungsschranken befreiten Welthandels – wurde zum Gegenstand einer „gruppenweisen“ Behandlung, wobei für die Hauptprobleme wie die der Ächtung aller quantitativen Handelsbeschränkungen, der „Ausnahmen“ aus Zahlungsbilanz- und anderen Gründen, der Zollfragen und der zukünftigen organisatorischen Form des GATT jeweils eine besondere Arbeitsgruppe gebildet wurde. Die Arbeit erfolgte in strenger Abgeschlossenheit und wurde nur zu Weihnachten durch eine Pause unterbrochen, was man wahrscheinlich nicht einmal bemerkt hätte, wenn nicht während dieser Pause zwei Verlautbarungen den Vorhang etwas gelüftet hätten. Die eine kam aus Australien, wo der zuständige australische Minister verlauten ließ, man würde aus dem GATT austreten, wenn die Sonderwünsche Australiens nicht erfüllt würden. Die andere kam aus dem offensichtlich entgegengesetzten Lager, nämlich Kanada, indem dort der verantwortliche Minister erklärte, daß man möglicherweise mit einem Scheitern der GATT-Konferenz rechnen müsse. Kanada tat sogar noch ein übriges, indem es eine Delegation nach Washington sandte, um dort gewissermaßen „etwas Dampf zu machen“.

Diese beiden „Ereignisse“, deren dramatischer Effekt kaum 24 Stunden andauerte und die Konferenz praktisch unbeeindruckt ließ, bestätigten immerhin den Tatbestand, daß bis zur Weihnachtspause die „gruppenweise“ Revisionsbehandlung nicht über jenes Stadium hinausgegangen war, das schon der „Aufmarsch der Fronten“ durch die ministeriellen Reden gezeitigt hatte. Mit andern Worten: bis dahin konnte von einer nennenswerten Überbrückung der Gegensätze keine Rede sein, denn die Delegationen behielten auch in der Gruppenarbeit die Standpunkte, die ihre Minister vor dem öffentlichen Forum bezogen hatten.

Erst nach der Weihnachtspause gerieten die Fronten offenbar in Bewegung, nachdem man erkannt hatte, daß mit dieser Behandlungsweise die Konferenz ad calendas graecas tagen würde. Beides – Erstarrung und Bewegung – hat seinen tieferen Grund.

Als man vor mehr als sieben Jahren daran ging, mit der „Havannah Charta“ die Spielregeln eines künftigen Welthandels festzulegen, war man von einem „freien Welthandel“ noch so weit entfernt, daß es nicht so schwerfiel, sich „grundsätzlich“ zu Prinzipien zu bekennen, deren praktische Anwendung in weiter Ferne lag. Das galt sowohl für die Dollarwelt, die sich damals einer nahezu unbeschränkten Nachfrage nach Dollargütern gegenübersah, wie für die Nichtdollarwelt, der es zur Erlangung dieser begehrten Güter an nichts als den erforderlichen Dollars fehlte.

Inzwischen hat sich aber das Bild gewandelt, indem die Dollarwelt erkennen mußte, daß der Absatz der Dollargüter gar nicht mehr so sehr an die Schranken einer „Dollarknappheit stieß (die Nichtdollarwelt hat es inzwischen auf die stattliche Zahl von 13,5 Mrd. $ Reserven in den USA selbst gebracht), sondern daß man sich auch aus Gründen der eigenen Absatzsicherung gegen Dollareinfuhren wehrte. Die Nichtdollarwelt war dabei ihrerseits in der angenehmen Lage, mit demZeigefinger auf jene amerikanischen „Restriktionen“ zu verweisen, für die die USA beim besten Willen keine „Zahlungsbilanzgründe“ ins Feld führen konnten. So kam es zu der gegenwärtigen Situation, daß fast alle Länder von den anderen die „freie Tür“, für sich selber aber den ganzen oder partiellen „Naturschutzpark“ verlangten.

Die Erkenntnis, allesamt „Sünder“ zu sein, hat natürlich zur „Erstarrung“ beigetragen; denn jeder erwartete vom andern den „ersten Schritt“. Nach der Melodie des „Hannemann, geh du voran“ wartete man vor allem auf das Land mit den größten Stiefeln – und das war wiederum dazu angetan, die „Bewegung“ zu veranlassen; denn die Frage der amerikanischen Handelspolitik ist gerade jetzt Gegenstand inneramerikanischer Auseinandersetzungen. Deswegen wäre also nun die Gelegenheit, die zuständige politische Instanz der USA auf das neue GATT (nachdem das alte vom Kongreß gar nicht ratifiziert worden war) festzulegen, wenn – ja wenn das neue GATT bereits geboren wäre! Und da die Gefahr besteht, daß sich im Kongreß die protektionistische Opposition nur allzugern um diese Stellungnahme und Festlegung herumdrückt – weil man sich ja nicht auf etwas festzulegen braucht, was noch gar nicht da ist – so ist in Genf plötzlich der „General Zeit“ erschienen. Es sieht also danach aus, daß die Konturen des „neuen“ GATT in den nächsten Wochen sichtbar werden.

Die Frage ist nur, ob dieses neue GATT tatsächlich so „neu“ sein wird. Zunächst hatte man den Eindruck gehabt, daß das alte GATT überhaupt nichts getaugt habe. Den einen war es zu weich, den anderen war es zu hart – und wer vor der Konferenz auch nur eine einfache Fortsetzung zu prophezeien wagte, galt bereits als Optimist. Inzwischen hat man aber gefunden, daß das alte GATT eigentlich doch ganz schön war, so daß die Fortdauer als solche nicht mehr in Frage gestellt sein dürfte.