Mittler zwischen Frankreich und Deutschland

An einem Morgen Ende Januar 1855 fanden Freunde den Dichter Gérard de Nerval, der seinem 50jährigen Leben in einer Pariser Seiten? gasse der Seine selbst ein Ende gemacht hatte. Man hat Nerval zu den vier größten französischen Dichtern des 19. Jahrhunderts gezählt, neben Baudelaire, Mallarmé und Rimbaud. Und man hat sich darüber verwundert, wie wenig seine Dichtung unter die Schöpfungen der französischen Romantik paßt. Die Erklärung ist wohl, daß er der einzige wirkliche Romantiker in seinem Lande war. Diese ihrem Wesen nach so unromanische Haltung erklärt auch sein Verständnis für den deutschen Geist, über das unser Mitarbeiter Hansres Jacobi zum Andenken an Nervals hundertsten Todestag berichtet.

Dort ist Deutschland! Der Boden Goethes und Schillers, das Land Hoffmanns; das alte Deutschland, unser aller Mutter!... Teutonia ...“ Diese Sätze schrieb – ein Franzose! Sie stehen am Anfang der „Empfindungen eines begeisterten Reisenden“, der Erinnerungen Gérard de Nervals. Dieser Dichter zwischen Romantik und Symbolismus war schicksalsmäßig mit Deutschland verbunden. Seine Mutter, die er 1810 als Zweijähriger verlor, liegt in Schlesien begraben, wohin sie ihrem Mann, einem napoleonischen Armeearzt, gefolgt war. Ihr nie gesehenes Antlitz erfüllte den Dichter zeitlebens mit einer schmerzlichen Sehnsucht, die ihn zum rastlosen Wanderer werden ließ und stets wieder nach Deutschland zurückführte. Durch diese innere Affinität zu Deutschland wurde Gerard de Nerval zu einem der wesentlichsten Mittler zwischen französischem und deutschem Geist. Er wirkte zweifach auf diesem Gebiet: durch seine Übersetzungen und durch seine Reiseberichte aus Deutschland.

Gérard de Nerval veröffentlichte als Neunzehnjähriger seine Übersetzung von Goethes „Faust“, die ihm das Lob des Meisters in Weimar eintrug. Eckermann berichtet: „Die erwähnte Übersetzung von Gerard, obgleich größtenteils in Prosa, lobte Goethe als sehr gelungen, ‚Im Deutschen‘, sagte er, ‚mag ich den Faust nicht mehr lesen; aber in dieser französischen Übersetzung wirkt alles wieder durchaus frisch, neu und geistreich‘.“

Nervals Faustübersetzung war nicht die erste in Frankreich. Das Faustthema war damals, als Deutschland dank Madame de Staël in der Mode war, recht populär. Unter den Schwärmern des Deutschlandkultes war Nerval der einzige, der die deutsche Sprache beherrschte. Er bewies es durch seinen Faust, der bis heute in Frankreich unerreicht blieb. Sah er auch wie die meisten und kultiviertesten Zeitgenossen in der Nachfolge der Madame de Staël im „Faust“ vorwiegend eine rührende Liebesgeschichte in einem pittoresk-phantastischen Rahmen, so spielte seine Übersetzung doch die führende Rolle bei der Einbürgerung von Goethes Dichtung in Frankreich.

Zwei Jahre später erschienen Nervals „Poésies allemandes“, eine bunt gemischte Auswahl von Gedichten und Balladen von Goethe, Schiller, Bürger, Klopstock, Schubert, Koerner, Uhland, Jean Paul, Hoffmann. Nervals Nachdichtung vermittelte als erste einen Begriff der echten deutschen Poesie und kam dadurch einer Offenbarung gleich. Trotzdem blieb diese Sammlung ohne nennenswerten Einfluß auf die französischen Romantiker. Sie entsprach nicht dem konventionellen Bild, das sich diese von Deutschland machten. Deutschland in französischer Sicht war damals vor allem das Land der trotzigen und düsteren Burgen am Rhein, an deren Fenster blond-naive Gretchen am Spinnrad sitzend auf den Strom hinunterblickten, in dessen Wellen tückische Nixen schwammen und an dessen Ufer im Mondlicht Gespenster ihr Wesen trieben.

Nach einer Unterbrechung von einigen Jahren, während derer er mehrmals Deutschland bereist hatte, gab Gérard de Nerval 1840 den zweiten Teil des „Faust“ heraus, eine „detaillierte Analyse, vermischt mit den bemerkenswertesten völlig übersetzten Szenen“. Seit langem mit Heinrich Heine befreundet, veröffentlichte er 1948 die „Poésies de Heine“, deren meisterhafte Nachdichtung den Freund zu einem begeisterten Lob hinriß. Nach den Goethe- und Heine-Übertragungen mutet es merkwürdig an, daß Nerval sich zuletzt noch die Mühe nahm, Kotzebues sentimentalen Reißer „Menschenhaß und Reue“ zu übersetzen. Dieses Werk hatte damals einen an „Werther“ grenzenden europäischen Erfolg. Nerval war aber vor allem beeindruckt durch das persönliche Schicksal des 1819 von einem fanatischen Studenten ermordeten Dramatikers. 1838 hatte er gemeinsam mit Alexandre Dumas die Stätten dieses politischen Dramas, die Gräber des Mörders und seines Opfers, und den Sohn des Scharfrichters in Heidelberg besucht. Sein eigenes Schauspiel „Leo Burckart“ versucht die Tragödie Carl Sands und Kotzebues nachzugestalten.