London, Anfang Februar

Glück muß der Mensch haben. Und Fortuna, die Launenhafte, hatte ein besonders freundliches Lächeln für den ungarischen Zeichner John Halas, der vor dem Kriege nach England gekommen war und dort neben der englischen Staatsangehörigkeit eine englische Frau – die Zeichnerin Joy Batchelor – „erworben“ hatte. Seit 15 Jahren zeichnen die beiden die besten Trickfilme, die je aus einer englischen Werkstatt gekommen sind – wobei sich der kontinentale Einschlag also offensichtlich bewährt hat. Dreizehnmal wurden ihre Filme auf internationalen Festspielen preisgekrönt.

Und doch waren die Namen Halas und Batchelor außerhalb der engsten Fachkreise bisher so gut wie unbekannt. Weder das Ehepaar Halas noch ihr amerikanischer Finanzier Richard de Rochemont konnten vor drei Jahren ahnen, wie klug es war, mit dem Zeichentrickfilm nach George Orwells Buch Farm der Tiere“ (Animal Farm) anzufangen. Ein Stab von achtzig Zeichnern – unter der Leitung des Amerikaners John Reed aus der Disney-Schule – wurde eingesetzt, um die fast 300 000 farbigen Bilder herzustellen, die notwendig waren, 44 Figuren auf der Leinwand 72 Minuten lang zu neuem Leben zu erwecken. Nein, keiner konnte damals ahnen, daß der Autor, der diese Figuren geschaffen hatte, gerade im richtigen Augenblick Mittelpunkt eines großen Skandals werden würde. Es gibt keine bessere Reklame als einen großen Skandal. Über den Fernseh-Skandal um Orwells Roman „1984“ berichteten wir am 23. Dezember.

„Farm der Tiere“ wurde in New York uraufgeführt und läuft jetzt in London; eine deutsche, eine französische, eine italienische, eine skandinavische und eine japanische Version werden vorbereitet. Mit einem Export noch weiter nach Osten ist nicht zu rechnen. Denn Orwells Erzählung gibt sich zwar als kindlich harmlose Fabel; aber sie folgt ihren klassischen Vorbildern Äsop und Lafontaine darin, daß sie eine Moral hat, eine sehr ernste Moral: „Alle Tiere sind gleichberechtigt“ ist der Leitspruch, der die unterdrückten Tiere zum Aufstand gegen den verkommenen Bauern Jones begeistert und aus dem sie sowohl das Recht wie auch die Energie ableiten zu einer mustergültigen Bewirtschaftung des Hofes auf eigene Faust. „Alle Tiere sind gleichberechtigt – aber die einen mehr, die anderen weniger“ lautet der Leitspruch am Ende, als die Schweine (deren Anführer Schneeball, Napoleon und Quiekschnauz irgendwo im Osten historische Vorbilder haben) eine neue Diktatur errichten, die der des Bauern Jones zum Verwechseln ähnlich sieht. „All animals are equal, but some are more equal than others“ ist auch die resignierte Schlußfolgerung des enttäuschten Sozialisten George Orwell, der mit „Animal Farm“ die bitterste Satire gegen den russischen Kommunismus russischen hat. Das Zitat ist in England sprichwörtlich geworden. In einem allgemeineren Sinne ist der Film also sehr zeitgemäß. Das Neue und Problematische dieses Trickfilms liegt darin, daß hier ein grimmig ernster Stoff zum Vorwurf genommen wird, der durch die Karikatur nichts von seinem eindringlichen Ernst verlieren soll – wie ja auch Orwell in einem scheinbar ganz amüsanten Fabel-Medium bitter Ernstes sagen will. Ist das im Film in gleicher Weise gelungen? Darüber sind die Meinungen geteilt. Der erste Einwand ist nicht neu und wird fast jedesmal erhoben, wo es sich Um die Verfilmung eines Buches handelt. Wer Orwells Fabel kennt und schätzt (die auch in einer – nicht sehr glücklichen – deutschen Übersetzung von N. O. Scarpi vorliegt), gefallen sind: die Ziege Muriel, der Rabe Moses, vor allem aber die Stuten Molly und Clover; und er mag mit Mißfallen feststellen, daß im Film das pessimistisch hoffnungslose Ende der Fabel gemildert worden ist. Und doch haben gerade die Regisseure dieses Filmes sich besonders bemüht, die Verteilung der Spannung, die Höhepunkte der Handlung werkgetreu wiederzugeben.

Auch an der Technik des Filmes ist allerlei ausgesetzt worden und doch eigentlich wenig auszusetzen. Es ist richtig, daß die Umrisse gröber, die Bewegungsstudien weniger raffiniert sind als bei Disney. Aber das scheint dem Orwellschen Stil, der ja auch mit scheinbar kindlichen und naiven Mitteln arbeitet, ganz angemessen. „Animal Farm ist nicht vom Zeichnerischen her inspiriert; die Einfälle kommen nicht gewissermaßen aus dem Stift. (Was damit gemeint ist, sei an einem Beispiel von Pat Sullivans „Kater Felix“, einem Klassiker des Trickfilms, verdeutlicht: Felix will eine Mauer überklettern; er denkt nach; das wird dargestellt, indem Fragezeichen aus seinem Kopf aufsteigen; und diese Fragezeichen nimmt er nun und baut sich daraus eine Strickleiter.) Für den Halas- und Batchelor-Film stellt das literarische Thema die Aufgabe, die zeichnerisch bewältigt werden muß; er ist daher weniger phantastisch – ja, wenn wir einmal die Konventionen der Karikatur akzeptiert haben, wirkt er beinahe realistisch. Altmeister dieser Gattung ist Walt Disney; und so ist es zu verstehen, daß der Film „Animal Farm“ immer mit Disneys Filmen verglichen wird, sehr zum Verdruß seiner Schöpfer. Disney hat jedenfalls einen Versuch mit einem so ernsten Thema nicht gemacht.

Seltsamerweise wirkt die Karikatur keineswegs erleichternd oder gar aufheiternd auf den grimmigen Ernst der Geschichte. Kinder, höre ich, sollen bei der Vorführung in lautes Lachen ausbrechen. Erwachsene empfinden in diesem Film viel stärker als bei der Lektüre des Buches die deprimierende Korruption einer großen Idee, den Sieg der Gemeinen und Bösen über die an Zahl so viel stärkeren Anständigen und Guten. Auch die Übertragung dieses trostlosen Schauspiels in das Reich der Tiere macht es übrigens nicht weniger schmerzhaft – im Gegenteil, wer dazu neigt (und wer neigte nicht dazu?), die Unschuld, die uns verlorengegangen ist, im Blick eines Tieres wiederzufinden, wird skrupellosen Ehrgeiz, Grausamkeit, Niedertracht unter Tieren noch unerträglicher finden als in einer Welt, wo er sich inzwischen an einiges gewöhnt hat.

Aber wenn es schon heutzutage so sein muß, daß ein Roman erst dann für wirklich erfolgreich gilt, wenn er verfilmt worden ist (was finanziell ja auch wirklich die Krone des Erfolges bedeutet), wenn schon das Unterhaltungsbedürfnis mehr und mehr zu Bilderfolgen drängt (wofür die Fülle der illustrierten Zeitschriften, Bilderromane und strip Cartoons ein beredtes Zeugnis ablegt), dann haben John Halas und Joy Batchelor für „Farm der Tiere“ eine Form gefunden, die in Einzelheiten vielleicht noch verbessert, im ganzen nicht übertroffen werden kann. Für die visuelle Darstellung phantastischer, aber ernst zu nehmender Geschichten haben sie den ersten dramatischen Trickfilm geschaffen.